Literature DB >> 32836398

[Recommendations on the approach when unusual neurological symptoms occur in temporal association with vaccinations in childhood and adolescence].

Hans-Iko Huppertz1.   

Abstract

Vaccinations are often administered at an age when many neurological diseases of childhood and adolescence also occur. Febrile seizures may occur following vaccination in patients with an appropriate genetic predisposition. The occurrence of narcolepsy has been described more frequently after pandemic influenza A-H1N1 vaccinations. The causality has not been proven. Data regarding an association between Guillain-Barré syndrome and influenza vaccinations are inconclusive. It was conclusively shown that vaccinations do not cause neurological disorders, such as autism and do not trigger multiple sclerosis. In summary, there is currently no confirmed evidence for the occurrence of chronic neurological diseases as a consequence of generally recommended vaccinations in Germany. If unusual neurological symptoms are observed in temporal association with vaccinations, a comprehensive evaluation is necessary to exclude a causal relationship and to diagnose the underlying neurological disease independent of the vaccination. This statement gives specific recommendations for the practical approach when neurological symptoms are observed in temporal association with vaccinations with respect to taking the patient history, initial diagnostic procedures, accurate and prompt documentation and the obligation to report the event. The committee also proposes procedures for further clarification and differential diagnostics of causal neurological diseases in childhood and adolescence. © Springer Medizin Verlag GmbH, ein Teil von Springer Nature 2020.

Entities:  

Keywords:  Drug-related side effects and adverse reactions; Encephalitis; Narcolepsy; Seizure; Vaccines

Year:  2020        PMID: 32836398      PMCID: PMC7372975          DOI: 10.1007/s00112-020-00975-z

Source DB:  PubMed          Journal:  Monatsschr Kinderheilkd        ISSN: 0026-9298            Impact factor:   0.323


Impfungen sind heutzutage in der Regel gut verträglich. Dennoch mehren sich weltweit impfkritische Stimmen, sodass die WHO 2019 „vaccine hesitancy“ (Unschlüssigkeit zum Impfen) neu in die Liste der weltweit zehn größten Gesundheitsgefahren aufgenommen hat [1]. Viele Impfungen werden im ersten Lebensjahr durchgeführt, also dem Alter, in dem sich – unabhängig von einer vorausgegangenen Impfung – bereits viele neurologische Erkrankungen des Kindes- und Jugendalters manifestieren. Die Ätiopathogenese vieler dieser Erkrankungen ist auch heute noch nicht verstanden. Epilepsien zeigen im ersten Lebensjahr die höchste Inzidenz des Kindes- und Jugendalters [2]. Prä- oder peripartal erworbene infantile Zerebralparesen werden oft erst ab dem 2. Lebenshalbjahr, also in einem Alter nach Durchführungen der ersten Impfungen, erkannt [3]. Daher besteht häufig ein zeitlicher Zusammenhang zwischen einer Impfung und dem Auftreten neurologischer Symptome. Ein kausaler Zusammenhang zwischen Impfung und einer daraus resultierenden neurologischen Erkrankung ist jedoch äußerst unwahrscheinlich. Eine exakte, zeitnahe und ausführliche Dokumentation ist für eine bestmögliche Versorgung des Kindes sowie eine Abklärung und spätere Bewertung jedoch von großer Bedeutung [4]. Die vorliegende Aktualisierung unserer Stellungnahmen aus den Jahren 2005 und 2015 geht zunächst auf bekannte neurologische Symptome nach Impfungen und die plausiblen zeitlichen Zusammenhänge ein. Im zweiten Teil werden mögliche Zusammenhänge zwischen neurologischen Symptomen und Impfungen beschrieben. Der dritte Teil führt exemplarisch einige behauptete, aber eindeutig widerlegte Zusammenhänge auf. Der abschließende vierte Teil gibt konkrete Handlungsempfehlungen zum praktischen Vorgehen bei Auftreten ungewöhnlicher neurologischer Symptome in zeitlichem Zusammenhang mit Impfungen und macht Vorschläge zur weiteren differentialdiagnostischen Abklärung.

1. Bekannte neurologische Symptome nach Impfungen

Neurologische Symptome nach einer Impfung sind sehr viel seltener als im Rahmen der entsprechenden Infektion [5].

Fieberkrämpfe.

Voraussetzung für einen kausalen Zusammenhang zwischen der Impfung und dem Auftreten der neurologischen Symptomatik ist ein plausibler zeitlicher Zusammenhang. Fieber tritt nach Impfung mit Totimpfstoffen üblicherweise in den ersten 48 h bzw. nach der Impfung mit Lebendimpfstoffen (z. B. Masern-Mumps-Röteln, Varizellen) aufgrund der erforderlichen Vermehrung der Impfviren nach 5 bis 12 Tagen auf [6]. Impfungen verursachen keine Epilepsie [7], jedoch können im Rahmen von mit Impfungen assoziiertem Fieber bei entsprechender genetischer Disposition Fieberkrämpfe auftreten. Eine retrospektive Analyse von Berkovic et al. [8] konnte bei 11 von 14 Patienten mit der Diagnose einer vermeintlichen „chronischen postvakzinalen epileptischen Enzephalopathie“ nachweisen, dass die Symptomatik nicht auf die Impfung, sondern auf ein Dravet-Syndrom zurückzuführen ist, dessen Ursache Mutationen im Natriumkanalgen SCN1A sind. Bei 77 Patienten mit Dravet-Syndrom trat der erste zerebrale Anfall entweder nichtimpfassoziiert (79 %) oder impfassoziiert (21 %) auf, ohne dass sich der weitere Erkrankungsverlauf zwischen beiden Gruppen unterschied [9]. Damiano et al. [10] empfehlen bei allen Kindern mit prolongierten Fieberkrämpfen, die in zeitlichem Zusammenhang mit einer Impfung auftreten, eine routinemäßige SCN1A-Diagnostik.

Hypoton-hyporesponsive Episoden.

Hypoton-hyporesponsive Episoden (HHE) sind kollapsähnliche Reaktionen bei Säuglingen und Kleinkindern, die durch plötzliches Auftreten einer erniedrigten Muskelspannung (hypoton), reduzierte Ansprechbarkeit und Reaktion auf Reize (hyporesponsiv) und bläuliche Hautfärbung oder Blässe charakterisiert sind. Die mittlere Zeit zwischen Impfung und Auftreten der Symptomatik liegt bei 3–4 h (Zeitspanne: wenige Minuten bis 48 h), die Dauer beträgt zwischen 6 und 30 min (bis zu einigen Tagen) [11]. HHE wurden nach Verabreichung zahlreicher Impfstoffe, am häufigsten nach den früher verwendeten Pertussisganzkeim-Kombinationsimpfstoffen beschrieben. Gesundheitliche Langzeitfolgen bei den betroffenen Patienten wurden nicht beobachtet [12]. Die Ätiologie der HHE ist bisher nicht geklärt. Das vereinzelte Auftreten Vakzine-assoziierter paralytischer Poliomyelitis (VAPP) nach oraler Polio-Lebendimpfung führte zum Wechsel hin zum intramuskulär zu verabreichenden Polio-Totimpfstoff und damit zur Eliminierung dieser Impfnebenwirkung [13].

2. Mögliche Zusammenhänge zwischen Impfungen und neurologischen Symptomen

Hinweise auf einen kausalen Zusammenhang zwischen einer Impfung und dem nachfolgenden Auftreten einer neurologischen Erkrankung finden sich nur vereinzelt. In Finnland wurde 2010 ein Anstieg der Inzidenz der Narkolepsie bei Kindern und Jugendlichen unter 17 Jahren im Vergleich zu den Vorjahren um das 17-Fache beobachtet und dem pandemischen Influenza H1N1-Impfstoff Pandemrix® (GlaxoSmithKline, Brentford, England) zugeschrieben [14]. Ähnliche Beobachtungen wurden in Norwegen [15], Schweden [16, 17], England [18] und Frankreich [19] gemacht. Die Zusammenhänge sind bisher nicht vollständig verstanden [20-22] und eine Kausalität nicht gesichert [23]. Hinweise auf eine Assoziation zwischen der saisonalen Influenza-Impfung und dem Auftreten einer Narkolepsie finden sich nicht [24]. Nicht eindeutig sind die Daten für das Auftreten eines Guillain-Barré-Syndroms (GBS) nach Influenza-Impfung. Eine US-amerikanische Metaanalyse beschrieb eine signifikante Zunahme der GBS-Inzidenz (relatives Risiko 2,35, 95 %-KI 1,42–4,01) nach monovalenter Influenza A(H1N1)-Impfung [25]. Im Gegensatz hierzu wurde in einer multinationalen europäischen Studie für die Saison 2009 [26] und in einer US-amerikanischen Studie für die Saison 2012–2013 [27] jeweils keine Assoziation zwischen Influenza-Impfung und Auftreten eines GBS gefunden. Bei englischen Kindern und Jugendlichen bis 16 Jahre fand sich ebenso kein signifikant erhöhtes Risiko für das Auftreten eines GBS im Rahmen der pandemischen Influenza-Impfung 2009 [28]. Die US-amerikanischen Centers for Disease Control and Prevention beurteilen die Daten über eine mögliche Assoziation zwischen GBS and saisonaler Influenza-Impfung als inkonsistent [29]. Zusammenfassend gibt es entsprechend zurzeit keinen gesicherten Anhalt für das Auftreten chronischer neurologischer Erkrankungen infolge von in Deutschland allgemein empfohlenen Impfungen.

3. Eindeutig widerlegte Zusammenhänge zwischen Impfungen und neurologischen Erkrankungen

Der immer wieder diskutierte Verdacht, Impfungen könnten neurologische Erkrankungen wie z. B. Autismus verursachen (MMR-Impfung) oder Optikusneuritis bzw. multiple Sklerose auslösen (Hepatitis-B-Impfung), wurde durch klinische Studien zweifelsfrei widerlegt [30-34].

4. Praktisches Vorgehen

Wenn in einem zeitlichen Zusammenhang mit Impfungen ungewöhnliche, unter Punkt 1 und Punkt 2 nichtgenannte neurologische Symptome auftreten, ist eine umfangreiche Abklärung notwendig. Dies dient dem Zweck, eine zugrunde liegende, eventuell behandelbare Krankheit nachzuweisen und damit einen kausalen Zusammenhang zur Impfung auszuschließen. Dazu sind eine ausführliche Anamnese und Diagnostik sowie eine exakte und zeitnahe Dokumentation der Impfung und des klinischen Verlaufes sowie die Sicherung von Patientenproben notwendig. Die Brighton Collaboration (www.brightoncollaboration.org) hat für zahlreiche im Zusammenhang mit Impfungen auftretende neurologische Symptome Falldefinitionen sowie Empfehlungen zu Datenerhebung und Auswertung erarbeitet, so z. B. für zerebrale Anfälle [35], HHE [36] und Narkolepsie [37]. Treten bei einem Kind oder Jugendlichen nach einer Impfung neurologische Symptome auf, erfolgt die Erstdiagnostik in der Regel durch den impfenden Arzt oder die nächstgelegene Klinik für Kinder und Jugendliche. Essenziell sind eine sehr sorgfältige Anamnese und gründliche Untersuchung des Patienten zum Zeitpunkt des Auftretens der neurologischen Symptomatik und im weiteren Verlauf. Eine ausführliche und detailreiche Dokumentation von Anamnese und Befunden hilft dabei, einen möglichen Zusammenhang zu einer Impfung auch zu späterer Zeit ggfs. erneut zu prüfen. Das folgende Vorgehen wird vorgeschlagen (Abb. 1):

a. Anamnese

Von besonderer Bedeutung ist eine exakte und ausführliche Dokumentation der Abläufe und des klinischen Zustandes in einem präzisen Zeitraster. Die Durchführung der Impfung ist, einschließlich Chargen-Nummer des/der verabreichten Impfstoffs/Impfstoffe, anhand des Impfausweises zu dokumentieren. Die Anamnese ist insbesondere bezüglich Hinweisen auf neurologische Erkrankungen (z. B. zerebrale Anfälle), Stoffwechselkrankheiten und Hinweise auf gehäufte bzw. ungewöhnliche Infektionskrankheiten beim Patienten und der Familie zu erheben. Hier ist ein Stammbaum über 3 Generationen unter Einschluss totgeborener und verstorbener Familienmitglieder zu erstellen.

b. Untersuchung

Es ist eine ausführliche körperliche Untersuchung mit besonderer Berücksichtigung des neurologischen Status durchzuführen. Lassen sich bei der Untersuchung neurologische Symptome nachweisen, die in zeitlichem Zusammenhang mit der Impfung auftraten, sollte der Untersucher eine weiterführende Untersuchung durch einen Neuropädiater veranlassen.

c. Labordiagnostik (siehe auch Tab. 1)

Schädelsonographie, cMRT, EEG Ggf. Panel‑/Exomdiagnostik Hautinspektion (Wood-Licht) cMRT, Herz‑, Nierensonographie, Augenarzt Ggf. TSC1-, TSC2-Molekulargenetik cMRT, Sono-Abdomen EEG mit 3/s-Einzelblitzen bei V. a. neuronale Zeroidlipofuszinose, Augenarzt: Katarakt, Augenhintergrund BB mit vakuolisierten Lymphozyten, Glukose, Blutgasanalyse, Ammoniak, Laktat, Aminosäuren, Tandem-Massenspektrometrie Acylcarnitindifferenzierung, Pipecolinsäure, CDT-Isoelektrofokussierung, Chitotriosidase, VLCFA, Phytansäure, Kreatinmangelsyndrome Gezielte Enzymdiagnostik (z. B. lysosomale Enzyme) Ggf. Panel‑/Exomdiagnostik Nervenleitgeschwindigkeit (motorisch und sensibel) Molekulargenetik (PMP22, Panel-/Exomdiagnostik) Kreatininkinaseaktivität, Virologie HMG-CoA-Reduktase-Antikörper, α‑1,4‑Glucosidase (M. Pompe) Muskel-Sonographie/MRT Panel‑/Exomdiagnostik Ggf. Muskelbiopsie Tensilon-Test Molekulargenetik (Paneldiagnostik) Mütterliche Anamnese (Mutterpass, STORCH-Erkrankungen erfragen) STORCH-Serologie (incl. VZV), ggf. CMV-PCR aus Neugeborenenscreeningkarte, ggf. Liquor, Augenhintergrund, Schädelsonographie, cMRT Zellen, Eiweiß, Glukose, Laktat, bakteriolog. Kultur, Multiplex-PCR (Bakterien/Viren) Neurotrope Viren (z. B. HSV, VZV, FSME, Picornaviren: Enteroviren, Parechoviren …), Borrelienantikörper, intrathekale Immunglobulinsynthese Oligoklonales IgG Liquor: siehe Meningoenzephalitis zusätzlich: Autoantikörper-Panel (Incl. NMDA-Rezeptor-Antikörper) Liquor: siehe Meningoenzephalitis zusätzlich: MRZ-Reaktion Liquor: siehe Meningoenzephalitis Nervenleitgeschwindigkeit Spontanurin: Homovanilinsäure und Vanillinmandelsäure Abdomen-Sono, MRT Abdomen u. spinales MRT Residualsyndrome (prä-, peripartal) =Infantile Zerebralparesen Schwangerschafts- und Geburtsanamnese Schädelsonographie, cMRT, EEG cMRT zerebrale Magnetresonanztomographie, EEG Elektroenzephalographie, MRZ Masern-Röteln-Zoster, NMDA N-Methyl-D-Aspartat Für weiterführende Laboruntersuchungen sollten Blut, Urin, Stuhl und respiratorische Sekrete z. B. für virologische und metabolische Diagnostik asserviert und untersucht werden. Die Indikation zur Liquoruntersuchung zum Nachweis entzündlicher und metabolischer Erkrankungen sollten großzügig gestellt werden. Die Liquordiagnostik sollte umfassen: Untersuchung von Zellzahl mit Differenzierung, Gesamteiweiß, Liquorzucker-Blutzucker-Quotient, Laktat, intrathekale Immunglobulinsynthese mit gleichzeitiger Serumbestimmung und Bezug auf die Blut-Liquor-Schrankenfunktion (Reiber-Schema), oligoklonales IgG, bakteriologische Kulturen und bakteriologisch-virale Multiplex-PCR-Diagnostik, ggf. Autoantikörper (z. B. N‑Methyl-D-Aspartat(NMDA)-Rezeptor-Antikörper). Bei febrilen zerebralen Anfällen, auch im Säuglings- und Kleinkindalter, muss an das Vorliegen von Virusenzephalitiden gedacht werden. Zum Beispiel können Infektionen mit Parechoviren keine oder nur eine geringgradige Liquor-Pleozytose aufweisen und sind nur durch eine PCR-Diagnostik im Liquor und/oder im Stuhl/in respiratorischen Sekreten zu diagnostizieren [38]. Nach Impfungen mit Lebendimpfstoffen sollte zusätzlich ein direkter Erregernachweis im Liquor zur Unterscheidung zwischen Impf- und Wildtyp-Virus in Absprache mit dem jeweiligen nationalen Referenzzentrum des Robert Koch-Instituts (www.rki.de) veranlasst werden. Bei klinischem Verdacht auf das Vorliegen einer Stoffwechselerkrankung sollten bereits bei der Erstuntersuchung des Patienten Serum, EDTA-Plasma, Trockenblutkarte, Urin und ggf. Liquor zur Stoffwechseldiagnostik gewonnen werden, da z. B. Organoacidurien und Fettsäureoxidationsstörungen am besten zum Zeitpunkt der klinischen Symptomatik nachweisbar sind. Untersuchungen im symptomfreien Intervall können unauffällig sein. Bei einer in zeitlichem Zusammenhang mit Impfungen auftretenden neurologischen Symptomatik sind zusätzlich Serum‑, EDTA-Plasma‑, Liquor- und Urinproben für eventuelle spätere Untersuchungen bei -20 °C zu asservieren. Prinzipiell sollte auch bedacht werden, EDTA-Blut ggf. für spätere genetische Diagnostik zu asservieren.

d. Apparative Diagnostik

Insbesondere bei allen Patienten mit Bewusstseinsstörung ist die Ableitung eines EEG mit der Frage nach Hinweisen auf Enzephalitis, einen bioelektrischen Status oder postkonvulsive Veränderungen indiziert. In Abhängigkeit der klinischen Symptomatik ist eine zerebrale Bildgebung (Sonographie, MRT mit Kontrastmittel, Diffusionswichtungen und Angiosequenz) durchzuführen. Bei Verdacht auf eine Neuritis oder eine neuromuskuläre Erkrankung ist die Nervenleitgeschwindigkeit zu bestimmen.

e. Weiterführende Diagnostik

Bei persistierenden neurologischen Symptomen sollte eine erweiterte neuropädiatrische Abklärung durchgeführt werden. Bei Verdacht auf Störungen des auditiven, visuellen oder zentralen somatosensiblen Systems sollten evozierte Potenziale abgeleitet werden. Weiterführende molekulargenetische Untersuchungen (Panel- und Exomdiagnostik im Blut) haben die Durchführung von Gewebsbiospien (z. B. Haut, Muskel, Leber) weitestgehend abgelöst. Tab. 1 fasst mögliche Differenzialdiagnosen zugrunde liegender neurologischer Erkrankungen und die zur Abklärung durchzuführende Diagnostik zusammen. Eine exakte Diagnose ist die Voraussetzung für eine gezielte Behandlung und Prognosestellung.
ErkrankungDiagnostik
Zerebrale Fehlbildungen z. B. Gyrationsstörungen

Schädelsonographie, cMRT, EEG

Ggf. Panel‑/Exomdiagnostik

Phakomatosen z. B. tuberöse Sklerose

Hautinspektion (Wood-Licht)

cMRT, Herz‑, Nierensonographie, Augenarzt

Ggf. TSC1-, TSC2-Molekulargenetik

Neurometabolische Erkrankungen

cMRT, Sono-Abdomen

EEG mit 3/s-Einzelblitzen bei V. a. neuronale Zeroidlipofuszinose, Augenarzt: Katarakt, Augenhintergrund

UrinSelektives Urinscreening auf angeborene Stoffwechselerkrankungen (organische Säuren, Aminosäuren, Orotsäure, Oligosaccharide und Mukopolysaccharide, Purine u. Pyrimidine)
Blut

BB mit vakuolisierten Lymphozyten, Glukose, Blutgasanalyse, Ammoniak, Laktat, Aminosäuren, Tandem-Massenspektrometrie Acylcarnitindifferenzierung, Pipecolinsäure, CDT-Isoelektrofokussierung, Chitotriosidase, VLCFA, Phytansäure, Kreatinmangelsyndrome

Gezielte Enzymdiagnostik (z. B. lysosomale Enzyme)

Ggf. Panel‑/Exomdiagnostik

LiquorZellen, Eiweiß, Glukose, Laktat, Aminosäuren, Neurotransmitter
Genetische Syndrome z.B.
Rett-SyndromMECP2- und ggf. CDKL5-Molekulargenetik
Angelman-SyndromMolekulargenetik
Prader-Willi-SyndromMolekulargenetik
Fragiles-X-SyndromFMR1-Molekulargenetik
Klinisch nicht sicher klassifizierbare Retardierungssyndrome Array-CGH, Panel‑/Exomdiagnostik
Epilepsien EEG, Schlaf-EEG, Video-Langzeit-EEG, cMRT, Familienanamnese
Bei V.a. genetische Epilepsien z.B.
– Dravet-SyndromSCN1A-Molekulargenetik/Panel-Diagnostik
– Pyridoxinabhängige EpilepsiePipecolinsäure im Plasma
– GlukosetransporterdefektLiquor-Serum-Glukose-Quotient, SLC2A1-Molekulargenetik
– Epileptische EnzephalopathienPanel‑/Exomdiagnostik
Spinale Muskelatrophie Muskelsonographie, SMN1-Genetik
Hereditäre Neuropathien

Nervenleitgeschwindigkeit (motorisch und sensibel)

Molekulargenetik (PMP22, Panel-/Exomdiagnostik)

Myopathie/Myositis

Kreatininkinaseaktivität, Virologie

HMG-CoA-Reduktase-Antikörper, α‑1,4‑Glucosidase (M. Pompe)

Muskel-Sonographie/MRT

Panel‑/Exomdiagnostik

Ggf. Muskelbiopsie

Myasthenia gravis Acetylcholinantikörper
Kongenitale myasthene Syndrome

Tensilon-Test

Molekulargenetik (Paneldiagnostik)

Pränatale Infektionen

Mütterliche Anamnese (Mutterpass, STORCH-Erkrankungen erfragen)

STORCH-Serologie (incl. VZV), ggf. CMV-PCR aus Neugeborenenscreeningkarte, ggf. Liquor, Augenhintergrund, Schädelsonographie, cMRT

Entzündliche ZNS-Erkrankungen
Meningoenzephalitis (viral, bakteriell)Liquor

Zellen, Eiweiß, Glukose, Laktat, bakteriolog. Kultur, Multiplex-PCR (Bakterien/Viren)

Neurotrope Viren (z. B. HSV, VZV, FSME, Picornaviren: Enteroviren, Parechoviren …), Borrelienantikörper, intrathekale Immunglobulinsynthese

Oligoklonales IgG

StuhlPicornaviren: Enteroviren, Parechoviren
RespiratorSekrete: z. B. Influenzaviren, Parechoviren, Mykoplasmen, Bordetella spp.
Autoimmunenzephalitiden

Liquor: siehe Meningoenzephalitis

zusätzlich: Autoantikörper-Panel

(Incl. NMDA-Rezeptor-Antikörper)

Multiple Sklerose, ADEM

Liquor: siehe Meningoenzephalitis

zusätzlich: MRZ-Reaktion

Guillain-Barré-Syndrom

Liquor: siehe Meningoenzephalitis

Nervenleitgeschwindigkeit

Opsoklonus-Myoklonus-Ataxie Syndrom

Spontanurin: Homovanilinsäure und Vanillinmandelsäure

Abdomen-Sono, MRT Abdomen u. spinales MRT

Vaskulopathien (Blutungen, Thrombosen) Gerinnungsdiagnostik, cMRT mit Angiosequenz
ZNS-Tumoren cMRT, spinales MRT

Residualsyndrome (prä-, peripartal)

=Infantile Zerebralparesen

Schwangerschafts- und Geburtsanamnese

Schädelsonographie, cMRT, EEG

Intoxikationen Urinscreening Toxikologie

cMRT zerebrale Magnetresonanztomographie, EEG Elektroenzephalographie, MRZ Masern-Röteln-Zoster, NMDA N-Methyl-D-Aspartat

f. Meldepflicht

Unabhängig vom Verdacht eines „Impfschadens“ müssen unerwünschte Arzneimittelwirkungen (einschließlich Impfstoffen) in Deutschland der Zulassungsbehörde (Paul-Ehrlich-Institut) direkt und an das örtliche Gesundheitsamt und der Arzneimittelkommission der Ärzteschaft gemeldet werden. Die Rechtsgrundlagen für dieses Meldewesen finden sich im Infektionsschutzgesetz, § 6: „der Verdacht einer über das übliche Ausmaß einer Impfreaktion hinausgehenden gesundheitlichen Schädigung“ ist namentlich zu melden. Meldebogen sind im Internet abrufbar und können dort auch direkt online ausgefüllt werden: https://www.pei.de/SharedDocs/Downloads/DE/arzneimittelsicherheit/pharmakovigilanz/ifsg-meldebogen-verdacht-impfkomplikation.pdf, bzw. www.akdae.de/Arzneimittelsicherheit/UAW-Meldung/index.html.
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Review 1.  Generalized convulsive seizure as an adverse event following immunization: case definition and guidelines for data collection, analysis, and presentation.

Authors:  Jan Bonhoeffer; John Menkes; Michael S Gold; Glacus de Souza-Brito; Margaret C Fisher; Neal Halsey; Patricia Vermeer
Journal:  Vaccine       Date:  2004-01-26       Impact factor: 3.641

Review 2.  [Vaccine safety].

Authors:  K Weisser; I Barth; B Keller-Stanislawski
Journal:  Bundesgesundheitsblatt Gesundheitsforschung Gesundheitsschutz       Date:  2009-11       Impact factor: 1.513

Review 3.  Immunizations and risk of multiple sclerosis: systematic review and meta-analysis.

Authors:  Mauricio F Farez; Jorge Correale
Journal:  J Neurol       Date:  2011-03-24       Impact factor: 4.849

4.  Vaccinations and risk of central nervous system demyelinating diseases in adults.

Authors:  Frank DeStefano; Thomas Verstraeten; Lisa A Jackson; Catherine A Okoro; Patti Benson; Steven B Black; Henry R Shinefield; John P Mullooly; William Likosky; Robert T Chen
Journal:  Arch Neurol       Date:  2003-04

Review 5.  A coordinated cross-disciplinary research initiative to address an increased incidence of narcolepsy following the 2009-2010 Pandemrix vaccination programme in Sweden.

Authors:  N Feltelius; I Persson; J Ahlqvist-Rastad; M Andersson; L Arnheim-Dahlström; P Bergman; F Granath; C Adori; T Hökfelt; S Kühlmann-Berenzon; P Liljeström; M Maeurer; T Olsson; Å Örtqvist; M Partinen; T Salmonson; B Zethelius
Journal:  J Intern Med       Date:  2015-06-30       Impact factor: 8.989

Review 6.  Parechoviruses in children: understanding a new infection.

Authors:  Heli Harvala; Katja C Wolthers; Peter Simmonds
Journal:  Curr Opin Infect Dis       Date:  2010-06       Impact factor: 4.915

7.  Increased childhood incidence of narcolepsy in western Sweden after H1N1 influenza vaccination.

Authors:  Attila Szakács; Niklas Darin; Tove Hallböök
Journal:  Neurology       Date:  2013-03-13       Impact factor: 9.910

8.  Incidence of narcolepsy in Norwegian children and adolescents after vaccination against H1N1 influenza A.

Authors:  M S Heier; K M Gautvik; E Wannag; K H Bronder; E Midtlyng; Y Kamaleri; J Storsaeter
Journal:  Sleep Med       Date:  2013-06-14       Impact factor: 3.492

9.  SCN1A Variants in vaccine-related febrile seizures: A prospective study.

Authors:  John A Damiano; Lucy Deng; Wenhui Li; Rosemary Burgess; Amy L Schneider; Nigel W Crawford; Jim Buttery; Michael Gold; Peter Richmond; Kristine K Macartney; Michael S Hildebrand; Ingrid E Scheffer; Nicholas Wood; Samuel F Berkovic
Journal:  Ann Neurol       Date:  2019-12-12       Impact factor: 10.422

10.  Guillain-Barré syndrome and adjuvanted pandemic influenza A (H1N1) 2009 vaccines: a multinational self-controlled case series in Europe.

Authors:  Silvana Romio; Daniel Weibel; Jeanne P Dieleman; Henning K Olberg; Corinne S de Vries; Cormac Sammon; Nick Andrews; Henrik Svanström; Ditte Mølgaard-Nielsen; Anders Hviid; Maryse Lapeyre-Mestre; Agnès Sommet; Christel Saussier; Anne Castot; Harald Heijbel; Lisen Arnheim-Dahlström; Par Sparen; Mees Mosseveld; Martijn Schuemie; Nicoline van der Maas; Bart C Jacobs; Tuija Leino; Terhi Kilpi; Jann Storsaeter; Kari Johansen; Piotr Kramarz; Jan Bonhoeffer; Miriam C J M Sturkenboom
Journal:  PLoS One       Date:  2014-01-03       Impact factor: 3.240

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