In der Pneumologie gibt es eine Reihe von belegten Unterschieden zwischen biologischen Männern und Frauen. Oft fehlen aber auch schlicht Daten zum weiblichen Geschlecht oder andere Faktoren spielen für Geschlechterunterschiede eine Rolle.Expertinnen und Experten waren für ein Symposium der "Taskforce Pneumologinnen der DGP" gebeten worden, die Evidenz für Geschlechtsunterschiede in ihrem Arbeitsbereich zusammenzutragen. So verschieden die Bereiche waren, über die sie berichteten, so ähnlich waren die Probleme: Die Evidenzlage zu Geschlechtsunterschieden ist oft dünn.
Bronchoskopie: Kleinere Bronchien, mehr Husten
In der Bronchoskopie zeichnen sich Frauen durch im Mittel kleinere Atemwegsdurchmesser, eine kürzere Distanz von den Lippen bis zur Hauptkarina und eine kürzere Trachea aus, zählte Prof. Daniela Gompelmann vom Lehrstuhl für Interventionelle Bronchiologie der Medizinischen Universität Wien auf. Darüber hinaus hatte sie in ihrer Literaturrecherche folgende Unterschiede zwischen Männer und Frauen gefunden:Werden für bronchoskopische Studien Freiwillige gesucht, melden sich mehr Männer als Frauen [1].Das starke Geschlecht entwickelt in der flexiblen Bronchoskopie auch signifikant weniger oft starken Husten als Frauen [2].Frauen mit Emphysem scheinen eher von einer Ventiltherapie zu profitieren als Männer [3].Einen Hinweis gibt es auch auf eine günstigere Prognose von Frauen bei benignen Atemwegsstenosen [4].Häufig werden aber auch keine Geschlechtsunterschiede festgestellt, etwa beim Auftreten infektiöser Komplikationen oder einem Pneumothorax nach transbronchialer Biopsie. Egal ob Unterschiede oder nicht: Meist sind die Befunde Zufallsprodukte. "Das Geschlecht ist in den Studien nie das primäre Interesse", sagte Gompelmann.
COVID-19 - klarer Fall?
Besser scheint die Evidenz zu Geschlechtsunterschieden in Sachen COVID-19-Erkrankung. Global wurde wiederholt eine höhere Mortalität von Männern bei Infektion mit dem SARS-CoV-2-Virus festgestellt. Eine Metaanalyse kam auf eine fünfmal höhere Sterblichkeit des starken Geschlechts [5]. Doch in manchen Ländern war die "Case-Fatality-Rate" auch bei Frauen höher als bei Männern, erklärte Dr. Katharina Buschulte von der Thoraxklinik des Universitätsklinikums Heidelberg. Beispiele sind Indien (Männer 2,9 , Frauen 3,3 %) oder Nepal, Vietnam und Slowenien [6]. Über die Ursachen kann nur spekuliert werden. Die Datenlage in diesen Ländern ist heterogen und oft unvollständig, die sozioökonomischen Verhältnisse sind ungünstig und die medizinische Versorgung der Geschlechter ist teilweise unterschiedlich. So werden Frauen in einigen Ländern seltener im Krankenhaus behandelt. Es bleibt also auch hier viel Unsicherheit.Von Langzeitfolgen einer SARS-CoV-2-Infektion sind Frauen häufiger betroffen als gleichaltrige Männer [7]. Das gilt vor allem für die unter 50-Jährigen. Eine anhaltende Dyspnoe berichten weibliche Genesene etwa siebenmal häufiger als Männer, eine Fatigue etwa doppelt so häufig. Angst vor Spätfolgen ist bei Frauen auch häufiger der Grund für die Impfentscheidung als bei Männern, wobei insgesamt die Impfakzeptanz bei der Befragung von 962 Mitarbeitenden von Lungenkliniken in Deutschland bei beiden Geschlechtern ähnlich war [8].In den ersten Studien zur medikamentösen Therapie von COVID-19 waren Frauen unterrepräsentiert - sie waren seltener im Krankenhaus behandelt und damit auch seltener in die entsprechenden klinischen Studien eingeschlossen worden. Es gab laut Buschulte Hinweise, dass Frauen bei schwerer COVID-19-Erkrankung seltener eine antivirale Therapie und Glukokortikoide erhielten als Männer. In den folgenden Studien zur früheren, ambulanten Arzneimitteltherapie von COVID-19 und in den SARS-CoV-2-Impfstoffstudien waren Frauen adäquat repräsentiert.
Fallstricke bei Antibiose
Einen relevanten Unterschied kann das Geschlecht für die Antibiose machen, berichtete Prof. Sören L. Becker vom Institut für Medizinische Mikrobiologie und Hygiene des Universitätsklinikums des Saarlandes in Homburg an der Saar. Ganz allgemein werden Pharmaka, die über das Leberenzym Cytochrom P450 3A4 (CYP3A4) abgebaut werden, bei Frauen 20-30 % schneller abgebaut. Das betrifft auch Makrolide oder Azol-Antimykotika. Geschlechtsspezifische Unterschiede in der Zusammensetzung der Gallenflüssigkeit tragen mit zu einer unterschiedlichen Metabolisierung von Antibiotika bei den Geschlechtern bei. Auch die Absorption oraler Medikamente dürfte unterschiedlich sein, denn Frauen haben einen höheren Magen-pH-Wert und eine doppelt so lange intestinale Transitzeit, sagte Becker. Zudem werden renal ausgeschiedene Antibiotika bei Frauen langsamer eliminiert als bei Männern (z.B. Penicilline, Fluorochinolone und Aminoglykiside). Therapeutisch berücksichtigt werden diese Unterschiede bislang nicht.Rätsel geben epidemiologische Befunde auf. So war in einer dänischen Registeranalyse die adjustierte 30-Tagessterblichkeit bei einer ambulant erworbenen Staphylococcus-aureus-Bakteriämie bei Frauen mit 29 % deutlich höher als bei Männern (22 %), ohne dass sich Therapie oder Infektionsfoci voneinander unterschieden [9]. Solche Befunde können biologische, aber auch andere Ursachen haben. So gibt es auch Geschlechtsunterschiede im Verordnungsverhalten. In einer Metaanalyse erhielten Frauen zwischen 16 und 54 Jahren von ihrem Hausarzt 40 % mehr Antibiotika als Männer (▶Abb. 1) [10]. Das betraf besonders Cephalosporine und Makrolide und war keineswegs nur auf eine höhere Rate an Harnwegsinfekten bei Frauen zurückzuführen, betonte Becker. Möglicherweise ist die höhere Zahl von Arztkontakten bei Frauen gegenüber Männern dieses Alters eine Erklärung für die höhere Antibiotika-Verordnung [11].
Am Ende ist weitgehend unverstanden, ob die beobachteten Geschlechtsunterschiede primär durch biologische Eigenschaften (z.B. hormonell oder immunologisch) oder durch andere Charakteristika (z.B. durch Aufsuch-Verhalten, Verordnungsverhalten) verursacht sind. Die Zusammenstellung des Wenigen, was aktuell zu Geschlechtsunterschieden bekannt ist, sollte Ansporn sein, sich verstärkt mit dem Thema zu beschäftigen, findet Becker.Quelle: Symposium "Frauen sind nicht kleine Männer" am 27.5.2022, 62. DGP-Kongress 2022 vom 25.-28.5.2022 in Leipzig
Authors: J Smit; L E López-Cortés; A J Kaasch; M Søgaard; R W Thomsen; H C Schønheyder; J Rodríguez-Baño; H Nielsen Journal: Clin Microbiol Infect Date: 2016-06-22 Impact factor: 8.067
Authors: Einar M H Martinsen; Tomas M L Eagan; Elise O Leiten; Eli Nordeide; Per S Bakke; Sverre Lehmann; Rune Nielsen Journal: Multidiscip Respir Med Date: 2019-05-02
Authors: Louise Sigfrid; Thomas M Drake; Ellen Pauley; Edwin C Jesudason; Piero Olliaro; Wei Shen Lim; Annelies Gillesen; Colin Berry; David J Lowe; Joanne McPeake; Nazir Lone; Daniel Munblit; Muge Cevik; Anna Casey; Peter Bannister; Clark D Russell; Lynsey Goodwin; Antonia Ho; Lance Turtle; Margaret E O'Hara; Claire Hastie; Chloe Donohue; Rebecca G Spencer; Cara Donegan; Alison Gummery; Janet Harrison; Hayley E Hardwick; Claire E Hastie; Gail Carson; Laura Merson; J Kenneth Baillie; Peter Openshaw; Ewen M Harrison; Annemarie B Docherty; Malcolm G Semple; Janet T Scott Journal: Lancet Reg Health Eur Date: 2021-08-06
Authors: Jie Li; Daniel Q Huang; Biyao Zou; Hongli Yang; Wan Zi Hui; Fajuan Rui; Natasha Tang Sook Yee; Chuanli Liu; Sanjna Nilesh Nerurkar; Justin Chua Ying Kai; Margaret Li Peng Teng; Xiaohe Li; Hua Zeng; John A Borghi; Linda Henry; Ramsey Cheung; Mindie H Nguyen Journal: J Med Virol Date: 2020-08-25 Impact factor: 20.693