Hintergrund und Fragestellung: Am 2. Januar 2022 ließ die israelische Gesundheitsbehörde den Coronaimpfstoff BNT162b2 (von Pfizer-BioNTech) für die zweite Booster-Impfung (=4. Impfung insgesamt) von > 59-Jährigen zu. Mit Beschluss der STIKO wird auch in Deutschland bei folgenden Personengruppen eine zweite Auffrischimpfung mit einem mRNA-Impfstoff empfohlen [1]: Menschen > 70 Jahre, Bewohner von betreuenden Einrichtungen, Patienten mit einer Immundefizienz, medizinisch Tätige im direkten Patientenkontakt. Je nach Gruppe ist die zweite Boosterimpfung frühestens 3 bis 6 Monate nach der vorherigen empfohlen, sofern die potenziellen Impflinge nicht vorher eine SARS-CoV-2-Infektion durchgemacht haben.Bisher fehlten Effektivitätsdaten zu Menschen, die im Gesundheitswesen im direkten Patientenkontakt tätig sind und sich zum zweiten Mal boostern ließen. Das wurde durch vorliegende Studie von Regev-Yochay et al. geändert.Patienten und Methoden: Es handelt sich um eine nicht randomisierte klinische Open-Label-Studie, in der Beschäftigte im Gesundheitswesen 4 Monate nach der ersten Auffrischimpfung eine zweite Boosterimpfung mit BNT162b2 (Pfizer-BioNTech, n = 154) bzw. mit mRNA-1273 (Moderna, n = 120) erhielten. Beide Gruppen wurden mit 3-fach Geimpften altersgleichen Kontrollpersonen verglichen. Die Beobachtungszeit nach der vierten Vakzination betrug etwa einen Monat.Ergebnisse: Nach der zweiten Boosterimpfung stiegen die SARS-CoV-2-IgG-Antikörper um den Faktor 9-10 gegenüber dem an, was durch die erste Boosterimpfung erreicht wurde. Ebenfalls stieg die Neutralisierungseffektivität auch für die Omikron-Variante um etwa den Faktor 10 gegenüber den 3-fach Geimpften an. Der Effekt gegenüber der Omikron-Variante war schwächer als gegenüber dem Wildtyp und der Delta-Variante. In der Summe infizierten sich im Beobachtungszeitraum 25 % in der Kontrollgruppe (1 Booster) und 18,3 % in der Verumgruppe (2 Booster). Die Impfeffektivität gegenüber einer SARS-CoV-2-Infektion betrug 30 % in der BNT162b2- und 11 % in der mRNA-1273-Gruppe. Die SARS-CoV-2-Positiven beklagten nur milde Symptome, waren aber infektiös. Die Impfeffektivität gegenüber einer symptomatischen SARS-CoV-2-Erkrankung betrug 43 % in der BNT162b2-Gruppe und 31 % in der mRNA-1273-Gruppe (▶Abb. 1).
Schlussfolgerungen: Der durch die vierte mRNA-Impfung erzielbare Impfschutz lag bei < 60-Jährigen sowohl in Bezug auf die Coronavirusinfektion als auch in Bezug auf die Vermeidung einer symptomatischen SARS-CoV-2-Erkrankung nur marginal über dem der ersten Boosterimpfung. Der Impfeffekt ist - unabhängig vom Impfstoff - gegenüber der Omikron-Variante am schwächsten. BNT162b2 ist etwas effektiver als mRNA-1273.
Festlegung von wissenschaftlich begründeten Risikogruppen sinnvoll
Die Studie hat einige Nachteile: a) das nicht randomisierte Studiendesign, b) die geringe Probandenzahl, was sich in den großen Konfidenzintervallen wiederspiegelte, und c) das bei derartigen Studien häufig zu kurz gewählte Beobachtungsintervall, das eine Beurteilung einer Langzeiteffektivität ausschließt. Trotzdem erbrachte diese Studie wichtige Erkenntnisse, denn sie bestätigt die geringere Impfwirkung mit zunehmender genetischer Entfernung vom Wildtyp des Virus. Auch ergab sie eine nur geringe Effektivitätssteigerung der vierten Impfung gegenüber der dritten, was sowohl an der gewählten jüngeren als auch an der medizinisch nicht kompromittierten Altersgruppe als auch an der gegenüber Omikron schwächeren Impfeffektivität der gewählten mRNA-Impfstoffe liegen mag.Die Empfehlung, generell alle im Gesundheitswesen mit Patientenkontakt Arbeitenden (< 60 Jahre) ein zweites Mal zu boostern, lässt sich mit dieser Studie kaum begründen. Des Weiteren ergeben sich folgende kritische Aspekte [2]: Ab wann ist jemand vollständig geimpft, nach 2 Impfungen, nach einer oder gar zwei Boosterungen? Muss es tatsächlich das Ziel einer wiederholten Impfung sein, unbedingt eine Infektion zu verhindern (was gegenüber Omikron sicher nicht möglich ist) und die Inzidenz zu senken oder reicht es aus, schwere Erkrankungsfälle zu minimieren? Da Booster-Impfungen nicht risikofrei sind, wäre eine Festlegung von wissenschaftlich begründeten Risikogruppen sinnvoll, bei denen nachweislich ein besserer protektiver Effekt durch eine Boosterung erzielbar ist als es jetzt hier bei den jungen und gesunden Studienteilnehmern der Fall war. Oder man stoppt das Boostern und wartet auf neue, an aktuelle Mutationen angepasste (Kombinations-)Impfstoffe.Regev-Yochay G, Gonen T, Gilboa M et al. Efficacy of a fourth dose of COVID-19 mRNA Vaccine against Omicron. N Engl J Med. 2022;386:1377-80Med. Klinik III Kreiskliniken Reutlingen Steinenberg Strasse 31 72764 Reutlingen adrian.gillissen@klin-rt.de