Literature DB >> 35342196

["Frühe Hilfen": what must pediatricians know?]

Sabine Haas1, Ulrike Metzger2, Mechthild Paul3.   

Abstract

In early childhood, essential foundations are laid for healthy growing up and long-term quality of life and health. Stressful life situations can disrupt good early childhood development, therefore early support is essential. Early childhood interventions like "Frühe Hilfen" provide support systems with coordinated services for parents and children during early childhood. They are particularly aimed at families in stressful life situations and thus counteract the long-term consequences of negative childhood experiences and promote healthy growing up. Pediatricians are important cooperation partners of "Frühe Hilfen", especially with respect to access to the services. Early life care is an interdisciplinary and integrative concept that aims to promote optimal conditions for families around the desire to have children, pregnancy, birth and early childhood, among other things, with a view to risk situations.
© The Author(s), under exclusive licence to Springer Medizin Verlag GmbH, ein Teil von Springer Nature 2022, korrigierte Publikation 2022.

Entities:  

Keywords:  Adverse childhood experiences; Child development; Early life care; Health promotion; Networking

Year:  2022        PMID: 35342196      PMCID: PMC8938728          DOI: 10.1007/s00112-022-01440-9

Source DB:  PubMed          Journal:  Monatsschr Kinderheilkd        ISSN: 0026-9298            Impact factor:   0.416


Lernziele

Nach der Lektüre dieses Beitrags können Sie die vorliegende Evidenz für die Relevanz der frühen Kindheit bezüglich langfristiger Gesundheit und Lebensqualität anhand empirischer Parameter einordnen. verstehen Sie das Konzept der Frühen Hilfen und können Familien das Angebot erklären. kennen Sie die Modalitäten der Kooperation und Zugangswege zu den Frühen Hilfen. können Sie Familien in der Praxis zu den Frühen Hilfen vermitteln. kennen Sie das Konzept der Early Life Care.

Einleitung

Fallbeispiel 1.

Marie ist 11 Monate alt; ihre Mutter, Frau S., ist 21 Jahre alt und alleinerziehend. Bei der U7 verhält sich Frau S. gegenüber Marie eher kurz angebunden, sehr eingeschränkt in der Interaktion und teilweise grob. Marie reagiert aggressiv und verweigert sich in der Folge bei der Untersuchung. Die Kinderärztin macht sich aufgrund dieser Beobachtung Sorgen und motiviert Frau S., einen Termin bei der Erziehungsberatungsstelle wahrzunehmen. Im Gespräch mit der dortigen Psychologin zeigt sich, dass Frau S. erschöpft und mit der Verantwortung für Marie und deren Erziehung überfordert ist. Frau S. berichtet auch über finanzielle Sorgen, und dass es ihr immer schwerer fällt, ihren Alltag zu bewältigen. Im Zuge der Unterstützung durch das Netzwerk der Frühen Hilfen (u. a. ehrenamtliche Patin, die ihr bei der Bewältigung ihres Alltags zur Seite steht; weitere Termine bei der Erziehungsberatungsstelle; Kontakt zur Schuldnerberatung für die Bewältigung der finanziellen Sorgen) entspannen sich die Lebenssituation von Frau S. und damit auch ihr Umgang mit dem Kind zunehmend.

Fallbeispiel 2.

Frau L. sucht die Kinderärztin auf, weil ihre 5 Monate alte Tochter Luna seit mehreren Wochen in der Nacht kaum schläft und tagsüber viel schreit. Die Mutter wirkt erschöpft und verzweifelt. Auf Nachfrage erfährt die Kinderärztin, dass sich der Kindsvater vor Kurzem getrennt hat und Frau L. kaum Unterstützung und große finanzielle Sorgen hat. Die Kinderärztin verweist Frau L. an die Frühen Hilfen. Frau L. nimmt das Angebot an und wird über längere Zeit durch die Frühen Hilfen begleitet. Durch die frühzeitige Organisation von Unterstützungsmaßnahmen kann eine drohende Überlastung abgewendet und die finanzielle Situation entspannt werden. Frau L. gewinnt Sicherheit im Alltag mit dem Kind und schafft es zunehmend, sich bei Bedarf selbst Unterstützung zu organisieren. Die beiden Praxisbeispiele (s. Fallbeispiele 1 und 2) aus Deutschland und Österreich illustrieren, dass viele junge Eltern mit belastenden Lebenssituationen und/oder Überforderung konfrontiert sind. Angebote wie die Frühen Hilfen können wichtige Unterstützung leisten und damit kurz- bis langfristig zu Gesundheit und Lebensqualität beitragen. Der Beitrag präsentiert wissenschaftliche Evidenz zum Thema, stellt das Konzept der Frühen Hilfen sowie zentrale Elemente der Umsetzung in Deutschland und Österreich dar und erläutert das Konzept von Early Life Care. belastenden Lebenssituationen Überforderung Gesundheit Lebensqualität

Wieso Frühe Hilfen?

Zahlreiche Studien belegen einen Zusammenhang zwischen Kindheitserfahrungen und Gesundheit und Lebensqualität im weiteren Lebensverlauf. Untersucht wurde dies zunächst anhand des Gesundheitszustandes von Erwachsenen mit Bezug auf die berichteten negativen Kindheitserfahrungen („adverse childhood experiences“, ACE, [1, 2]). Die Ergebnisse zeigen einen starken Zusammenhang zwischen der Zahl der ACE und gesundheitlichem Risikoverhalten (z. B. übermäßiger Alkoholkonsum, Drogenkonsum), Erkrankungen (z. B. Depressionen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Adipositas) sowie sozialen Aspekten (z. B. Teenagerschwangerschaft, Gewalt, Arbeitslosigkeit). negativen Kindheitserfahrungen Es gibt vielfältige Evidenz, die Erklärungen dafür liefert: Neurowissenschaftliche Studien [3, 4, 5] konnten zeigen, dass negative Erfahrungen mit zentralen Bezugspersonen zu neurobiologischen und epigenetischen Veränderungen führen. Dies ist besonders ausgeprägt in der frühen Kindheit, da Störungen die für die Gehirnentwicklung relevante korrekte Ausbildung von Synapsen und neuronalen Vernetzungen behindern. Belastete bzw. wenig förderliche Eltern-Kind-Interaktion kann zu Langzeitfolgen für Gehirnfunktionen und Verhalten wie Stressreaktion, kognitiven Fähigkeiten oder Sozialverhalten führen. Forschungsergebnisse zu „toxischem Stress“ belegen, dass chronisch erhöhte Stresshormonspiegel die Architektur des in der frühen Kindheit intensiv im Aufbau befindlichen Gehirns stören und u. a. erhöhte Stress- und Angstreaktionen sowie kognitive, sprachliche und sozioemotionale Entwicklungsprobleme verursachen können [6, 7]. Dauerhafte Veränderungen der Gehirnstruktur und -funktion führen zu physiologischen Störungen und erhöhen das Risiko für viele chronische Erkrankungen im Erwachsenenalter [8, 9]. Laut der Bindungsforschung ist unorganisierte Bindung prädiktiv für erhöhte Raten von Persönlichkeitsstörungen, Depressionen, Dissoziation, Selbstverletzungen und verringerte Stressresistenz im Erwachsenenalter [3]. Die noch neue Forschung zu positiven Kindheitserfahrungen („positive childhood experiences“, PCE) zeigt, dass sich ein stabiles Umfeld langfristig positiv auswirkt [10, 11, 12]. Faktoren wie hohe soziale Unterstützung, gute elterliche Erziehungsqualität, sichere, stabile und fürsorgliche Beziehungen und Umgebungen wirken protektiv und damit positiv im Hinblick auf langfristige Gesundheit und Lebensqualität [7, 13]. Die Ergebnisse weisen darauf hin, dass PCE den negativen Effekten von ACE entgegenwirken können. positiven Kindheitserfahrungen stabiles Umfeld Frühzeitiger Unterstützung in der frühen Kindheit kommt daher große Bedeutung zu. Maßnahmen in der frühen Kindheit leisten einen wichtigen Beitrag zu gesundheitlicher und sozialer Chancengerechtigkeit. Als besonders relevant werden „Zwei-Generationen-Programme“ wie Frühe Hilfen erachtet, die neben dem direkten Fokus auf Säuglinge und Kleinkinder den Schwerpunkt auf die Verbesserung der Lebenssituation sowie eine Stärkung der Möglichkeiten und Fähigkeiten der zentralen Bezugspersonen legen [14]. sozialer Chancengerechtigkeit „Zwei-Generationen-Programme“

Merke

In der frühen Kindheit werden wichtige Grundlagen für die Gesundheit und die Lebensqualität im weiteren Lebensverlauf gelegt. Unterstützung für Familien in dieser sensiblen Lebensphase ist besonders relevant.

Definition und Ziele

Frühe Hilfen werden als lokale und regionale Unterstützungssysteme mit koordinierten Hilfsangeboten für Eltern und Kinder in der Schwangerschaft und den ersten Lebensjahren definiert. Neben alltagspraktischer Unterstützung sollen sie einen Beitrag zur Förderung der Beziehungs- und Erziehungskompetenz von Müttern und Vätern leisten. Damit tragen sie zum gesunden Aufwachsen von Kindern bei und sichern deren Rechte auf Schutz, Förderung und Teilhabe. Beziehungs- und Erziehungskompetenz Frühe Hilfen sind ein niedrigschwelliges Angebot und richten sich insbesondere an Familien in belastenden Lebenslagen. Ziel ist es, jedem Kind eine gesunde Entwicklung und ein gewaltfreies Aufwachsen zu ermöglichen. Frühe Hilfen tragen dazu bei, dass Ressourcen gestärkt und Belastungsfaktoren reduziert werden – um damit das Wohl und die Entwicklung des Kindes frühzeitig zu fördern. Frühe Hilfen bieten Eltern je nach Bedarf kurz- bis längerfristige Unterstützung, Beratung und Begleitung. gewaltfreies Aufwachsen Ein zentrales Element von Frühen Hilfen ist die bereichs- und berufsgruppenübergreifende Vernetzung von vielfältigen Ansätzen, Angeboten, Akteurinnen und Akteuren. Im Rahmen der Frühen Hilfen arbeiten Fachkräfte verschiedener Systeme eng zusammen (wie Gesundheitswesen, Kinder- und Jugendhilfe, Sozialbereich, Elternbildung, Elementarbildung), um Eltern bei der Betreuung und Förderung ihrer Kinder zu unterstützen. berufsgruppenübergreifende Vernetzung Frühe Hilfen sind Unterstützungssysteme mit koordinierten Hilfsangeboten für Eltern und Kinder in der frühen Kindheit. Sie richten sich insbesondere an Familien in belastenden Lebenssituationen.

Konzepte

Deutschland

Gravierende Fälle von Kindesmisshandlung und -vernachlässigung gaben ab 2006 Anlass zu einer breiten gesellschaftlichen Debatte zum Kinderschutz in Deutschland [15]. Auf allen föderalen Ebenen und in Wissenschaft und Praxis bestand Einigkeit darüber, dass die Prävention von Entwicklungsstörungen und Gefährdungen für die Kinder verstärkt werden soll. Kinderschutz Prävention Frühe Hilfen sollen allen Kindern in Deutschland so früh wie möglich die Chance auf ein gesundes, förderliches und gewaltfreies Leben geben. Im Fokus stehen Kinder, deren Eltern ihnen dies aus eigener Kraft nicht ermöglichen können. Um Familien wirksam zu unterstützen, müssen Eltern in psychosozialen Belastungslagen möglichst früh für die Annahme eines bedarfsgerechten Unterstützungsangebotes gewonnen werden. Allerdings finden gerade Familien, die psychosoziale Unterstützung benötigen und davon profitieren würden, nur schwer den Zugang zu vorhandenen Angeboten. Dies bedeutet, dass niedrigschwellige Zugänge geschaffen werden müssen: Der psychosoziale Hilfebedarf junger Familien muss anhand von Einschätzungsinstrumenten wie z. B. dem Pädiatrischen Anhaltsbogen [16] frühzeitig erkannt werden, damit die Familien über passende Angebote informiert und beraten sowie bei der Annahme dieser Hilfen unterstützt werden können. bedarfsgerechten Unterstützungsangebotes niedrigschwellige Zugänge Pädiatrischen Anhaltsbogen Daher werden in kommunalen „Netzwerken Frühe Hilfen“ die Angebote verschiedener Akteure, Einrichtungen und Institutionen aus unterschiedlichen Sozialsystemen koordiniert und den Familien niedrigschwellig zur Verfügung gestellt. So ermöglicht das Gesundheitswesen – v. a. Geburtskliniken und niedergelassene Fachärztinnen/-ärzte der Gynäkologie und Pädiatrie – Familien in Belastungslagen nichtstigmatisierende Zugänge zu Unterstützungsangeboten. Beispielsweise bieten spezifisch eingerichtete Lotsendienste in Geburtskliniken [17] allen Eltern ein Gesprächsangebot an und vermitteln bei Bedarf weitere Angebote des Netzwerks Frühe Hilfen. Die Frühförderung bringt hohe Kompetenzen in Bezug auf die Diagnose und Behandlung von Entwicklungsstörungen und Entwicklungsbeeinträchtigungen in der frühen Kindheit mit. Und die Kinder- und Jugendhilfe kann auf eine breite Palette an psychosozialen Hilfen zurückgreifen. nichtstigmatisierende Zugänge Frühförderung Insbesondere aufsuchende Angebote durch Familienhebammen und Familien‑, Gesundheits- und Kinderkrankenpflegende [18, 19] und von ehrenamtlichen Familienpatinnen/-paten haben sich in den Frühen Hilfen bei der Unterstützung von belasteten Familien bewährt. aufsuchende Angebote Die Frühen Hilfen haben in Deutschland zunehmend an Bedeutung in der Prävention, in der Gesundheitsförderung und im Kinderschutz gewonnen. Durch gesetzliche Rahmung im Bundeskinderschutzgesetz [20] und Regelungen im Präventionsgesetz [21], Bundes- und Landesprogramme, kommunale Initiativen und das Engagement von Trägern im Gesundheitswesen und der Kinder- und Jugendhilfe wurde ihr Auf- und Ausbau befördert. Durch die im Oktober 2017 in Kraft getretene Bundesstiftung Frühe Hilfen wurden die Frühen Hilfen dauerhaft abgesichert. Sie unterstützt Bundesländer, Städte, Gemeinden und Landkreise in ihrem Engagement für die Frühen Hilfen. Durch den flächendeckenden Ausbau kommunaler Netzwerke Frühe Hilfen werden die Angebote der Frühen Hilfen in der Lebenswelt der Familien sozialraumnah gestaltet und sichergestellt. Jede Familie soll die Möglichkeit haben, von diesen Angeboten – möglichst auf einem annähernd gleichen qualitativen Niveau – zu profitieren. Bundesstiftung Frühe Hilfen

Merke

Auf kommunaler Ebene organisierte „Netzwerke Frühe Hilfen“ koordinieren die Angebote der verschiedenen Akteure, Einrichtungen und Institutionen aus unterschiedlichen Sozialsystemen. Sie stellen diese den Familien niedrigschwellig und möglichst passgenau zur Verfügung.

Österreich

Regionale Frühe-Hilfen-Netzwerke

Das österreichische Konzept für Frühe Hilfen wurde unter Berücksichtigung von wissenschaftlicher Evidenz und Praxiserfahrungen entwickelt und wird v. a. in Form von regionalen Frühe-Hilfen-Netzwerken umgesetzt [22]. Das Angebot richtet sich an Schwangere und Familien mit Kindern bis zu 3 Jahren. Die Frühe-Hilfen-Netzwerke dienen der bedarfsgerechten Unterstützung von Familien in belastenden Situationen in der Phase der frühen Kindheit. Sie bauen auf dem bestehenden System auf und beziehen die Vielfalt der vorhandenen spezifischen Angebote (Beratung, Therapien, Alltagsunterstützung etc.) ein. Im Einklang mit der internationalen Evidenz zur Effektivität von Maßnahmen in der frühen Kindheit weisen sie folgende Kernelemente auf: Es handelt sich um ein präventives, freiwilliges, kostenloses und sehr früh ansetzendes Angebot. Im Sinne der Niederschwelligkeit wird ein aktiver und systematischer Zugang zur Zielgruppe gesucht. Das Angebot ist aufsuchend, bindungsfördernd und bietet bedarfs- und bedürfnisorientierte Begleitung. Über die intensive Vernetzung der relevanten Fachleute erhalten auch Familien mit vielfältigen Belastungen gut abgestimmte multiprofessionelle Angebote. Besonderes Augenmerk liegt auf der Sensibilisierung der Berufsgruppen und Einrichtungen, die im Kontakt mit schwangeren Frauen und Familien mit Kleinkindern sind. Ziel ist, dass sie Unterstützungsbedarf erkennen und mit Zustimmung der Familien den direkten Kontakt zum Netzwerk herstellen. Dem medizinischen Bereich kommt eine besonders wichtige Rolle zu, da fast alle Familien in dieser Lebensphase im Kontakt mit dem Gesundheitssystem sind. Dies ermöglicht, die psychosoziale Situation der Familie zur Sprache zu bringen und auf das Angebot der Frühen Hilfen hinzuweisen. Unterstützung bieten Arbeitsunterlagen und ein E‑Learning-Angebot (Tab. 1 Anmerkung: Materialien zum Download [23], Informationen zu den E‑Learnings [24]). Ein Überblick über das regional verfügbare Frühe-Hilfen-Netzwerk findet sich auf www.fruehehilfen.at. Sofern eine Familie einer direkten Vermittlung nicht zustimmt, sollte Informationsmaterial mit motivierenden Worten übergeben werden.
Thematisieren von psychosozialen Belastungen und Angebot von Frühen Hilfen. Kurzanleitung
Thematisieren von psychosozialen Belastungen und Angebot von Frühen Hilfen. Gesprächsleitfaden für Ärztinnen/Ärzte in niedergelassener Praxis
Thematisieren von psychosozialen Belastungen und Angebot von Frühen Hilfen. Gesprächsleitfaden für aufsuchend, in einer Praxis oder ambulant tätige Gesundheitsberufe
Vermittlungsgründe zu den Frühen Hilfen
Literaturstudium „Negative Kindheitserfahrungen, toxischer Stress und Frühe Hilfen“
Interaktive Fortbildung Frühe Hilfen – Bedarf erkennen, Familien ansprechen und vermitteln
Sensibilisierung Arbeitsunterlagen E‑Learning-Angebot Die Familien werden durch die Frühe-Hilfen-Netzwerke über einen längeren Zeitraum v. a. im Rahmen von Hausbesuchen begleitet. Familienbegleiterinnen (Fachkräfte aus Bereichen wie Sozialarbeit, Psychologie, Pädagogik, Kinderpflege bzw. Hebammen) stellen eine Beziehungs- und Vertrauensbasis mit den Familien her und vermitteln die jeweils benötigten Angebote (z. B. Familienhilfe, Frühförderung, Psychotherapie) aus dem Netzwerk. Familienbegleiterinnen Regionale Frühe-Hilfen-Netzwerke gibt es aktuell in 65 Bezirken. Der flächendeckende Ausbau soll bis Ende 2023 erfolgen. Im Zeitraum 2015–2020 wurden in Österreich mehr als 6000 Familien durch Frühe Hilfen begleitet. Sozial benachteiligte Familien (armutsgefährdet, Ein-Eltern-Haushalte, Migrationshintergrund etc.) werden besonders gut erreicht [25].

Merke

Familien mit möglichem Bedarf sollen aktiv auf das Angebot der regionalen Frühe-Hilfen-Netzwerke hingewiesen werden. Diese bieten präventive, freiwillige, kostenlose, aufsuchende und längerfristige Begleitung.

Spezifisches Konzept: Early-Life-Care

Early-Life-Care (ELC) stellt ein interdisziplinäres und integratives Konzept mit Hauptaugenmerk auf die Schaffung optimaler Bedingungen für (werdende) Familien rund um Kinderwunsch, Schwangerschaft, Geburt und frühe Kindheit dar. Neben entsprechendem Fachwissen liegt der Fokus auf multiprofessionellen, kooperativen Strukturen und respektvoller und lebensfördernder Haltung. Early-Life-Care umfasst v. a. zwei Dimensionen: Neben der Verbesserung des Angebots von Gesundheitsförderung und universeller Prävention durch kooperative Unterstützungssysteme geht es insbesondere um die Verbesserung der Versorgung im Bereich der selektiven und indizierten Prävention für Familien in besonders belastenden Situationen. An der Paracelsus Medizinischen Universität in Salzburg wurden 2016 ein weltweit erstes Forschungsinstitut sowie ein Universitätslehrgang für Early Life Care [26] gegründet. Das Studium ist eine interdisziplinäre forschungsgeleitete Aus- und Weiterbildung, die die Studierenden befähigt, ELC in die Versorgung des eigenen Arbeitsumfeld zu integrieren. Insbesondere wird der Umgang mit komplexen Begleitungs- und Versorgungssituationen, einschließlich der Gestaltung von Übergängen zwischen den Versorgungssystemen, adressiert. Wesentliche Inhalte sind die Kenntnis und der Respekt vor den Wissensressourcen der anderen Disziplinen und Professionen sowie die Bildung und Pflege von Netzwerken. Kernthemen sind zudem ethische Implikationen, die Nachhaltigkeit und die gesellschaftlich-politisch bedingten Möglichkeiten bzw. Grenzen sowie die rechtlichen Rahmenbedingungen der Systeme. Universitätslehrgang Die Entwicklungszeiten von der Zeugung über die Schwangerschaft, Geburt, bis hin zur frühkindlichen Entwicklung sind noch eher unerforschte Bereiche. Das ELC-Institut deckt ein weites Feld an Grundlagen- und Interventionsforschung ab. Ein wesentliches Ziel des Instituts ist es, die Forschungsergebnisse weiterzugeben an die Bevölkerungsgruppen, die am meisten von diesen profitieren können, z. B. in Form von Fortbildungen für Behandler/-innen und Beratung von Eltern. Grundlagen- und Interventionsforschung Die aktuellen Forschungsprojekte beinhalten u. a. die Untersuchungen des Einflusses der mütterlichen Stimme auf den Schlaf des Neugeborenen [27, 28], von Auswirkungen der durch das „severe acute respiratory syndrome coronavirus 2“ (SARS-CoV-2) ausgelösten Pandemie auf Familien und Kinder [29], insbesondere im Hinblick auf Resilienzfaktoren, sowie der Auswirkungen des Besuchs von Kindertagesstätten auf die Bindungsentwicklung von Kleinkindern [30]. Interdisziplinäres, integratives und ausgewogenes fachliches Wissen sowie Fähigkeiten und Fertigkeiten aus dem Bereich Early Life Care fördern die Qualität der Versorgung insbesondere in komplexen Situationen.

Fazit für die Praxis

Aktuelle Forschungsergebnisse belegen die hohe Relevanz der frühen Kindheit für die Gesundheit und die Lebensqualität im weiteren Lebensverlauf. Frühe Hilfen sind Unterstützungssysteme für Eltern und Kinder in der Zeit der frühen Kindheit; sie richten sich insbesondere an Familien in belastenden Lebenssituationen. Kinderärztinnen/-ärzte sind wichtige Kooperationspartnerinnen/-partner und sollen Familien mit möglichem Bedarf aktiv auf das regionale Frühe-Hilfen-Angebot hinweisen. Mit Zustimmung der Familien sollen Kinderärztinnen/-ärzte gleich direkt den Kontakt mit dem passenden regionalen Frühe-Hilfen-Angebot herstellen. Die multiprofessionelle Aus- und Weiterbildung und die Forschungsarbeiten von Early Life Care stellen eine wichtige Unterstützung für die Professionalisierung dar.
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Review 1.  Early life stress and telomere length: investigating the connection and possible mechanisms: a critical survey of the evidence base, research methodology and basic biology.

Authors:  Idan Shalev
Journal:  Bioessays       Date:  2012-09-19       Impact factor: 4.345

2.  Adverse childhood experiences: retrospective study to determine their impact on adult health behaviours and health outcomes in a UK population.

Authors:  Mark A Bellis; Helen Lowey; Nicola Leckenby; Karen Hughes; Dominic Harrison
Journal:  J Public Health (Oxf)       Date:  2013-04-14       Impact factor: 2.341

3.  The lifelong effects of early childhood adversity and toxic stress.

Authors:  Jack P Shonkoff; Andrew S Garner
Journal:  Pediatrics       Date:  2011-12-26       Impact factor: 7.124

4.  Sleep, Little Baby: The Calming Effects of Prenatal Speech Exposure on Newborns' Sleep and Heartrate.

Authors:  Adelheid Lang; Renata Del Giudice; Manuel Schabus
Journal:  Brain Sci       Date:  2020-08-02

Review 5.  Rethinking evidence-based practice and two-generation programs to create the future of early childhood policy.

Authors:  Jack P Shonkoff; Philip A Fisher
Journal:  Dev Psychopathol       Date:  2013-11

6.  Positive childhood experiences predict less psychopathology and stress in pregnant women with childhood adversity: A pilot study of the benevolent childhood experiences (BCEs) scale.

Authors:  Angela J Narayan; Luisa M Rivera; Rosemary E Bernstein; William W Harris; Alicia F Lieberman
Journal:  Child Abuse Negl       Date:  2017-10-06

Review 7.  The effect of multiple adverse childhood experiences on health: a systematic review and meta-analysis.

Authors:  Karen Hughes; Mark A Bellis; Katherine A Hardcastle; Dinesh Sethi; Alexander Butchart; Christopher Mikton; Lisa Jones; Michael P Dunne
Journal:  Lancet Public Health       Date:  2017-07-31

8.  Memory Traces Formed in Utero-Newborns' Autonomic and Neuronal Responses to Prenatal Stimuli and the Maternal Voice.

Authors:  Adelheid Lang; Peter Ott; Renata Del Giudice; Manuel Schabus
Journal:  Brain Sci       Date:  2020-11-11

9.  Early-life and pubertal stress differentially modulate grey matter development in human adolescents.

Authors:  Anna Tyborowska; Inge Volman; Hannah C M Niermann; J Loes Pouwels; Sanny Smeekens; Antonius H N Cillessen; Ivan Toni; Karin Roelofs
Journal:  Sci Rep       Date:  2018-06-15       Impact factor: 4.379

10.  Positive Childhood Experiences and Adult Mental and Relational Health in a Statewide Sample: Associations Across Adverse Childhood Experiences Levels.

Authors:  Christina Bethell; Jennifer Jones; Narangerel Gombojav; Jeff Linkenbach; Robert Sege
Journal:  JAMA Pediatr       Date:  2019-11-04       Impact factor: 16.193

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