Literature DB >> 35286400

[Profound survival benefit with concurrent chemotherapy: insights from a Chinese phase III trial in older patients with esophageal cancer].

Claudia Schweizer1, Rainer Fietkau1, Florian Putz2.   

Abstract

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Year:  2022        PMID: 35286400      PMCID: PMC9038893          DOI: 10.1007/s00066-022-01921-6

Source DB:  PubMed          Journal:  Strahlenther Onkol        ISSN: 0179-7158            Impact factor:   4.033


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Hintergrund und Ziel der Arbeit

Nicht nur angesichts der demografischen Veränderungen ist die Entwicklung von geeigneten radioonkologischen Therapiekonzepten für ältere Patienten sehr wichtig. Beim Ösophaguskarzinom ist beim betagten Patienten in der definitiven Situation die Verträglichkeit üblicher simultaner Kombinationschemotherapien häufig schlechter und deren Stellenwert daher umstritten. Die Autoren Ji et al. verglichen nun in einer randomisierten Phase-III-Studie eine simultane Radiochemotherapie (RCT) mit dem oralen Fluorouracilderivat S‑1 gegenüber einer alleinigen Radiotherapie (RT) bei betagten Patienten mit Ösophaguskarzinom.

Methode

In dieser randomisierten, unverblindeten, multizentrischen, chinesischen Phase-III-Studie wurden ältere Patienten im Alter von 70 bis 85 Jahren mit histologisch gesichertem Ösophaguskarzinom im Stadium IB bis IVB und ECOG-Status ≤ 1 eingeschlossen. Stratifiziert wurde nach Alter (< 80 vs. ≥ 80 Jahre) und Tumorlänge (< 5 vs. ≥ 5 cm) bei einer 1:1-Randomisation zwischen alleiniger definitiver RT und einer simultanen RCT mit dem oral applizierbaren Chemotherapeutikum S‑1. Primärer Endpunkt war das 2‑Jahres-Gesamtüberleben (OS).

Ergebnisse

Von 2016 bis 2018 wurden 298 Patienten aus 23 chinesischen Zentren eingeschlossen. Das mediane Alter betrug 77 Jahre und praktisch alle Patienten wiesen histologisch ein Plattenepithelkarzinom auf (99,3 %). In Bezug auf die Therapiedurchführbarkeit war der Anteil an Therapieabbrüchen mit 22,1 % im RCT-Arm gegenüber nur 10,1 % im RT-Arm deutlich höher, die Therapie also schwieriger durchzuführen. Bei den höhergradigen Toxizitäten (≥ Grad 3) war einzig das Auftreten von Leukopenien im Kombinationsarm signifikant erhöht (9,5 % vs. 2,7 %), und therapieassoziierte Todesfälle traten nur bei 3 Patienten (2,0 %) im Kombinationsarm auf im Vergleich mit 4 Patienten (2,7 %) bei alleiniger Radiotherapie. Das 2‑Jahres-Gesamtüberleben, der primäre Endpunkt der Studie, war bei simultaner Radiochemotherapie signifikant verbessert (53,2 % vs. 35,8 %, p = 0,002).

Schlussfolgerung der Autoren

Die simultane Radiochemotherapie mit S‑1 war verträglich und bringt einen signifikanten Überlebensvorteil gegenüber einer alleinigen Strahlentherapie bei älteren Patientinnen und Patienten mit Ösophaguskarzinom.

Kommentar

Fast genau 30 Jahre, nachdem Herskovic et al. eindrucksvoll den therapeutischen Gewinn durch eine simultan zur definitiven Strahlentherapie des Ösophaguskarzinoms durchgeführten Chemotherapie demonstrieren konnten [1], zeigten nun Ji et al. erneut, dass das Paradigma der simultanen RCT auch beim älteren Patienten mit Plattenepithelkarzinom des Ösophagus bemerkenswert gültig ist [2]. In der von Ji et al. betrachteten, generell herausfordernden Patientenpopulation älterer Patienten mit Ösophaguskarzinom ist sonst die Durchführbarkeit [3-5] und Verträglichkeit [1, 6, 7] der üblichen simultanen Kombinationsschemata deutlich schlechter, und ein prognostischer Vorteil der simultanen RCT stand teilweise im Zweifel [8]. Man muss sich nämlich bewusstmachen, dass gerade für diese Gruppe der älteren Patienten mit Ösophaguskarzinom die Erwartung an eine optimale definitive radioonkologische Behandlung besonders hoch ist. Denn häufig besteht ja kurative Inoperabilität. Durch Phase-I- und -II-Studien vorbereitet setzten die Autoren auf eine radiosensitivierende simultane Monochemotherapie [9, 10]. S‑1 (Handelsname Teysuno®) ist ein vor allem in Asien beliebtes orales Kombinationspräparat aus der 5‑FU-Prodrug Tegafur und den zwei modulierenden Substanzen Gimeracil und Oteracil. Gimeracil ist dabei ein reversibler Inhibitor der Dihydropyrimidin-Dehydrogenase (DPD), der die Halbwertszeit von 5‑FU erhöht, und Oteracil inhibiert durch seine geringe orale Bioverfügbarkeit im Magen-Darm-Trakt selektiv das aktivierende Enzym Orotat-Phosphoribosyl-Transferase, was die gastrointestinalen Nebenwirkungen reduzieren soll [11]. S‑1 ist generell auch in Europa, nicht aber in den USA zugelassen und damit auch in Deutschland erhältlich. In der hier kommentierten Studie hatten die Patienten im Kombinationsarm die orale Chemotherapie mit S‑1 jeweils in der 1. und 2. sowie 5. und 6. Woche der 6‑wöchigen simultanen RCT eingenommen. Die Verträglichkeit der simultanen Chemotherapie war insgesamt gut. Insbesondere gab es keine Häufung von höhergradigen Ösophagitiden und anderen gastrointestinalen Nebenwirkungen und keine Häufung von Infektionen bzw. therapiebedingten Todesfällen. Lediglich die höhergradigen Leukopenien waren statistisch signifikant unterschiedlich, aber lediglich geringfügig von 2,7 % auf 9,5 % erhöht (p = 0,01). Die Therapiedurchführbarkeit im Kombinationsarm mit einer Abbruchrate von 22,1 % vs. 10,1 % im alleinigen RT-Arm kann in diesem Kollektiv noch als zufriedenstellend angesehen werden. Analog zu der grundlegenden Arbeit von Herskovic et al. erhielten die Patienten im Kombinationsarm eine geringere Radiotherapiedosis mit 1,8 Gy bis insgesamt 54 Gy, verglichen mit 2 bis 60 Gy bei alleiniger RT (2 bis 50 Gy vs. 2 bis 64 Gy in der Herskovic-Arbeit). Das klinische Zielvolumenkonzept entsprach dabei weitgehend den üblichen Standards mit einer kraniokaudalen Erweiterung von jeweils 3 cm und einem zirkumferenziellen Sicherheitssaum von 1 cm für den Primärtumor sowie von 0,5 bis 1 cm für die bildmorphologisch befallenen Lymphknoten bei einem PTV-Sicherheitssaum von 0,5 bis 1 cm. Interessanterweise konnten Patienten im Alter von 70 bis 79 Jahren zusätzlich eine elektive Bestrahlung der Lymphknotengruppen erhalten. Eine FDG-PET-CT war für die Zielvolumendefinition hilfreich, jedoch nicht verpflichtend [12]. Umso verblüffender erscheint uns der ganz erhebliche Wirkungsgewinn, der durch eine so milde Radiosensitivierung erreicht werden konnte: Die klinische Komplettremission verbesserte sich beispielsweise von 26,8 % auf 41,6 % (p = 0,007), das mediane Progressionsfreies Überleben (PFS) von 9,5 auf 18,7 Monate (p = 0,003) und das OS in der Intention-to-treat-Analyse nach 2 Jahren von 35,8 % auf 53,2 % mit Reduktion der Hazard Ratio auf 0,63 (p = 0,002). Interessanterweise zeigte die Subgruppenanalyse, dass auch Patienten mit ≥ 80 Jahren signifikant von der simultanen Chemotherapie profitierten (HR 0,56, 95 %-CI 0,33–0,98). Eine wichtige Einschränkung der Aussagekraft ist, dass nahezu ausschließlich Patienten mit Plattenepithelkarzinomen behandelt wurden (99,3 %). Eine direkte Übertragung der Ergebnisse auf Patienten mit Adenokarzinomen ist daher leider nicht möglich, zumal diese bekanntermaßen beim Ösophaguskarzinom anders auf eine simultane RCT ansprechen als Plattenepithelkarzinome [13]. Und da lediglich ältere Patienten mit einem ECOG von 0 bis 1 eingeschlossen wurden, ist der therapeutische Vorteil für ältere Patienten im schlechten Allgemeinzustand auch nicht zu beurteilen. Am anderen Ende des großen Spektrums an physiologischen Leistungsreserven, die wir in der klinischen Praxis bei älteren Patienten sehen, gibt es sicherlich auch fitte 70-Jährige, denen man eher eine simultane RCT angedeihen lässt als eine Monochemotherapie entsprechend dem bisherigen Standard. Es sind daher wie so oft bei älteren Patienten auch der sog. ärztliche Blick des Behandlers und die subjektive Einschätzung des biologischen Patientenalters, die die Therapieauswahl bestimmen [14].

Fazit

Die hier kommentierte Phase-III-Studie zeigt, dass eine simultane definitive RCT mit S‑1-Unterstützung auch von älteren Patienten mit Plattenepithelkarzinomen des Ösophagus gut vertragen wird und auch bei sehr alten Patienten mit 70 bis 80 Jahren signifikant und deutlich das Gesamtüberleben verbessert. Eine simultane Radiochemotherapie mit S‑1 stellt daher beim älteren Patienten mit > 70 Jahren und einem Plattenepithelkarzinom des Ösophagus den neuen Standard für die definitive radioonkologische Behandlung dar. Darüber hinaus zeigen die Ergebnisse der Studie auch, dass das Paradigma der simultanen RCT 30 Jahre nach seiner Erstpublikation durch Herskovic et al. nach wie vor auch für ältere Patienten mit Ösophaguskarzinom eindrucksvolle Gültigkeit besitzt. Claudia Schweizer, Rainer Fietkau und Florian Putz, Erlangen
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1.  Radiotherapy of the oldest old-feasibility and institutional analysis.

Authors:  Eva-Maria Kretschmer; Matea Pavic; Luisa Sabrina Stark; Caroline Hertler; Matthias Guckenberger
Journal:  Strahlenther Onkol       Date:  2020-05-04       Impact factor: 3.621

2.  Combined chemotherapy and radiotherapy compared with radiotherapy alone in patients with cancer of the esophagus.

Authors:  A Herskovic; K Martz; M al-Sarraf; L Leichman; J Brindle; V Vaitkevicius; J Cooper; R Byhardt; L Davis; B Emami
Journal:  N Engl J Med       Date:  1992-06-11       Impact factor: 91.245

3.  Definitive chemoradiation or surgery in elderly patients with potentially curable esophageal cancer in the Netherlands: a nationwide population-based study on patterns of care and survival.

Authors:  M Koëter; M van Putten; R H A Verhoeven; V E P P Lemmens; G A P Nieuwenhuijzen
Journal:  Acta Oncol       Date:  2018-03-12       Impact factor: 4.089

4.  A phase I dose escalation study of S-1 with concurrent radiotherapy in elderly patients with esophageal cancer.

Authors:  Yongling Ji; Guoqing Qiu; Liming Sheng; Xiaojiang Sun; Yuanda Zheng; Ming Chen; Xianghui Du
Journal:  J Thorac Dis       Date:  2016-03       Impact factor: 2.895

5.  Tegafur/gimeracil/oteracil (S-1) approved for the treatment of advanced gastric cancer in adults when given in combination with cisplatin: a review comparing it with other fluoropyrimidine-based therapies.

Authors:  Masao Kobayakawa; Yasushi Kojima
Journal:  Onco Targets Ther       Date:  2011-11-15       Impact factor: 4.147

6.  Treatment utilization and outcomes in elderly patients with locally advanced esophageal carcinoma: a review of the National Cancer Database.

Authors:  Gregory Vlacich; Pamela P Samson; Stephanie M Perkins; Michael C Roach; Parag J Parikh; Jeffrey D Bradley; A Craig Lockhart; Varun Puri; Bryan F Meyers; Benjamin Kozower; Cliff G Robinson
Journal:  Cancer Med       Date:  2017-11-15       Impact factor: 4.452

7.  Safety and outcome of definitive chemoradiotherapy in elderly patients with oesophageal cancer.

Authors:  D Tougeron; F Di Fiore; S Thureau; N Berbera; I Iwanicki-Caron; H Hamidou; B Paillot; P Michel
Journal:  Br J Cancer       Date:  2008-10-28       Impact factor: 7.640

8.  A phase II study of S-1 with concurrent radiotherapy in elderly patients with esophageal cancer.

Authors:  Yongling Ji; Xianghui Du; Ye Tian; Liming Sheng; Lei Cheng; Ying Chen; Guoqing Qiu; Xia Zhou; Wuan Bao; Danhong Zhang; Ming Chen
Journal:  Oncotarget       Date:  2017-09-15

9.  Does chemoradiotherapy benefit elderly patients with esophageal squamous cell cancer? A propensity-score matched analysis on multicenter data (3JECROG R-03A).

Authors:  Mingqiu Chen; Xiaohong Liu; Chun Han; Xin Wang; Yidian Zhao; Qingsong Pang; Xinchen Sun; Gaofeng Li; Kaixian Zhang; Ling Li; Xueying Qiao; Yu Lin; Junqiang Chen; Zefen Xiao
Journal:  BMC Cancer       Date:  2020-01-15       Impact factor: 4.430

10.  Efficacy of Concurrent Chemoradiotherapy With S-1 vs Radiotherapy Alone for Older Patients With Esophageal Cancer: A Multicenter Randomized Phase 3 Clinical Trial.

Authors:  Yongling Ji; Xianghui Du; Weiguo Zhu; Yanguang Yang; Jun Ma; Li Zhang; Jiancheng Li; Hua Tao; Jianhong Xia; Haihua Yang; Jin Huang; Yong Bao; Dexi Du; Degan Liu; Xiusheng Wang; Chaoming Li; Xinmei Yang; Ming Zeng; Zhigang Liu; Wen Zheng; Juan Pu; Jun Chen; Wangyuan Hu; Peijing Li; Jin Wang; Yujin Xu; Xiao Zheng; Jianxiang Chen; Wanwei Wang; Guangzhou Tao; Jing Cai; Jizhong Zhao; Jun Zhu; Ming Jiang; Yan Yan; Guoping Xu; Shanshan Bu; Binbin Song; Ke Xie; Shan Huang; Yuanda Zheng; Liming Sheng; Xiaojing Lai; Ying Chen; Lei Cheng; Xiao Hu; Wenhao Ji; Min Fang; Yue Kong; Xiaofu Yu; Huizhang Li; Runhua Li; Lei Shi; Wei Shen; Chaonan Zhu; Junwei Lv; Rong Huang; Han He; Ming Chen
Journal:  JAMA Oncol       Date:  2021-10-01       Impact factor: 33.006

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