Literature DB >> 34874536

Paul L Plener1,2, Claudia M Klier3,4, Leonhard Thun-Hohenstein5, Kathrin Sevecke6.   

Abstract

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Year:  2021        PMID: 34874536      PMCID: PMC8649986          DOI: 10.1007/s40211-021-00409-6

Source DB:  PubMed          Journal:  Neuropsychiatr        ISSN: 0948-6259


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Internationale Lage

Im Zuge der aktuellen CoVid-19 Pandemie zeigt sich weltweit wie auch in Österreich eine deutliche Zunahme an psychischen Erkrankungen mit gestiegenen Raten an Depressionen, Angststörungen, Essstörungen, Suizidgedanken sowie Suizidversuchen [2, 4, 6]. Dabei handelt es sich um kein nur in Österreich existierendes Phänomen, entsprechend gibt es ähnliche Signale aus anderen Nationen [7, 8, 10]. So hat auch die amerikanische kinder- und jugendpsychiatrische Fachgesellschaft (AACAP) zuletzt gemeinsam mit der amerikanischen Fachgesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde (AAP) auf nationalen Notstand im Bereich der seelischen Kinder- und Jugendgesundheit hingewiesen [1]. Das National Health Service (NHS) in Großbritannien hat seine Ausgaben im Bereich der Versorgung psychischer Erkrankungen bei Kinder und Jugendlichen massiv erhöht und einen Forderungskatalog für die bessere Versorgung psychisch erkrankter Kinder und Jugendlicher präsentiert [5]. Zuletzt hat auch die UNICEF auf die sich dramatisch zuspitzende Lage im Bereich der Versorgung psychisch kranker Kinder und Jugendliche hingewiesen und in diesem Zusammenhang auch die massiven Folgekosten einer Nicht-Behandlung psychischer Erkrankung im Lebensalter der 0–18-jährigen thematisiert [9].

Österreichische Situation

Die österreichische Versorgungslandschaft für die Betreuung psychisch erkrankter Kinder und Jugendlicher war bereits vor der Pandemie unzureichend ausgestattet. Es besteht ein durchgängiger Mangel an kassenfinanzierter Psychotherapie für Kinder- und Jugendliche, der Ausbau niederschwelliger Angebote an Schulen ist im Vergleich zu vielen anderen europäischen Ländern nie erfolgt. Es existiert kein flächendeckendes Konzept zur Prävention psychischer Erkrankungen. Die kinder- und jugendpsychiatrische Versorgung hat noch nie die im Strukturplan Gesundheit Österreich geforderten Versorgungsziele, weder im ambulanten, noch im stationären Bereich erreicht [3]. Das führt dazu, dass weniger als die Hälfte (47,5 %) jener Kinder und Jugendlicher, die über eine psychische Erkrankung in ihrer Lebenszeit berichten, irgendeine Form der Behandlung erhalten haben [11]. Auch wenn vielerorts bemerkenswerte Modellprojekte existieren, so muss doch festgehalten werden, dass die Versorgung psychisch kranker Kinder- und Jugendliche in Österreich bereits vor der Pandemie unzureichend gegeben war. Durch die nun gestiegenen Zahlen psychischer Erkrankungen ist das System mittlerweile am Rande seiner Kapazitäten angekommen, bzw. weit darüber hinaus belastet und wird derzeit nur durch die persönliche Bereitschaft der in diesem System Arbeitenden über die Belastungsgrenzen hinaus zu arbeiten, aufrechterhalten. In den letzten Monaten konnten erste wichtige Schritte erzielt werden, es gab erste zusätzliche Zuwendungsversprechen seitens des Bundesministeriums für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz, ebenso wurde die Kinderchancen Initiative seitens des Bundesministerium präsentiert, die eine Neuausrichtung, basierend auf EU Geldern vorantreiben soll. Aus unserer Sicht sind das begrüßenswerte erste Schritte, es wird jedoch ein Vielfaches der bislang veranschlagten Mittel und ein „Neu-Denken“ der Versorgungsstruktur brauchen, um den nun gestiegenen Anforderungen gerecht zu werden. Vor diesem Hintergrund fordern wir als Österreichische Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapeutische Medizin ein klares Bekenntnis der Politik sowohl auf Bundes- sowie auch auf Länderebene die Finanzierung im Bereich der Versorgung psychischer Erkrankungen bei Kindern- und Jugendlichen erheblich zu steigern und gesetzliche Rahmenbedingungen zu schaffen, um die Versorgung zu verbessern und zu flexibilisieren. Dabei wird es neben dem zur Verfügung stellen von frei zugänglichen, kassenfinanzierten Leistungen auch darum gehen das Versorgungssystem so neu zu denken, dass ein flächendeckender, niederschwelliger Zugang gewährleistet werden kann.

Forderungen der ÖGKJP

In diesem Zusammenhang fordern wir: Zugang zu kassenfinanzierter Psychotherapie und kinder- und jugendpsychiatrischen Angeboten. Alle diesbezüglichen Leistungen müssen für alle Kinder- und Jugendliche egal in welchem Umfeld sie aufwachsen, kostenfrei erhältlich sein. Hier müssen Rahmenbedingungen im Sinne von Qualifizierungsnachweisen geschaffen werden, sodass eine psychotherapeutische Behandlung von Kindern und Jugendlichen ausschließlich durch Personen erbracht wird, die in diesem Bereich nachweislich eine spezifische Qualifikation erworben haben Stellenausbau im Bereich der Kinder- und Jugendpsychiatrie, der Kinder- und Jugendhilfe sowie im Bereich der Kinder- und Jugendlichen Psychotherapie. In diesem Zusammenhang müssen auch gesetzlich neue Modelle geschaffen werden um die Ausbildungskapazität im Mangelfach Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapeutische Medizin zu erhöhen um hier längerfristig mehr Fachärztinnen und Fachärzte auf diesem Gebiet auszubilden. Umgestaltung der Angebote mit vermehrter Verankerung niedrigschwelliger therapeutischer Angebote im Alltag von Kindern und Jugendlichen. Unter Einbezug eines vermehrten Angebotes an Schulsozialarbeit, Schulpsychologie und einer Koordination mit dem schulärztlichen System, gegebenenfalls auch unter Einbezug von neu zu schaffenden „Mental Health Nurses“ soll eine weitere Stufe in einem gestuften Versorgungssystem entstehen, die im Lebenskontext von Kindern und Jugendlichen vorhanden ist. Ähnliche Modelle müssen auch für den Bereich der Ausbildungen von Lehrlingen geschaffen werden. Es wird hier darum gehen Versorgungsketten darzustellen, so dass diese niederschwelligen Bereiche optimal mit den Bereichen der Psychotherapie und der ambulanten und stationären Kinder- und Jugendpsychiatrie verknüpft werden. In dem Zusammenhang müssen auch stepped care Modelle (sowohl für das Stepping Up sowie das Stepping Down) entwickelt werden. Schaffung und Ausbau von digitalisierten Angeboten. Auch diese sollen ein niederschwelliges Angebot darstellen und in stepped care Angebote integriert werden. Hierzu bedarf es dringend der Sichtung von Angeboten von bereits existierenden Tools und der Schaffung neuer Tools in noch nicht abgedeckten Bereichen durch Forschung. Es bedarf eines Qualitäts- und Wirksamkeitsnachweises um dann auch von der öffentlichen Hand zur Verfügung gestellt werden zu können. Investition in Frühintervention: Wie die UNICEF [9] aktuell deutlich herausstellt, ist eine Investition in frühe Maßnahmen hinsichtlich des Nutzen für die seelische Gesundheit (und nicht zuletzt auch hinsichtlich der Rentabilität in einem volkswirtschaftlichen Kontext) die beste Investition (im Sinne eines „Return on Investment“). Weitere finanzielle Stützung des Bereichs frühe Hilfen, ebenso wie zusätzliche Unterstützung und Vernetzung im Bereich Elementarpädagogik mit kinder- und jugendtherapeutischen und kinder- und jugendpsychiatrischen Angeboten ist hier zu fordern. Systemübergreifende Kooperation: Die Finanzierung von Kooperationen im Sinne einer Vernetzung zwischen Kinder- und Jugendhilfe und Kinder- und Jugendpsychiatrie muss sichergestellt werden. Solche Kooperationsmodelle beruhen derzeit auf reiner Freiwilligkeit und werden aus den Strukturen heraus getragen. Hier bedarf es einer deutlich besseren Vernetzung, die für solch eine Arbeit auch entsprechend honoriert werden muss. Flächendeckende Einführung evidenzbasierter Präventionsprogramme im schulischen sowie im außerschulischen Rahmen: Während bereits jetzt Präventionsprogramme, deren Effektivität eindrücklich nachgewiesen wurde, existieren, so harren diese Programme weiterhin einer flächendeckenden Umsetzung, was vor allem eine Kooperation zwischen dem Bildungs- und dem Gesundheitsbereich notwendig machen würden. Vor allem im Bereich der Suizidprävention wie auch im Bereich der Mobbingprävention sind zusätzliche Mittel zur Verfügung zu stellen. Förderung der „Mental Health Literacy“ bei Kindern im Bereich der Elementarpädagogik aber auch im schulischen- und im Ausbildungsbereich. Hierfür müssen Lehrkonzepte entwickelt werden, so dass das Identifizieren von seelischen Erkrankungen Kindern und Jugendlichen leichter möglich ist und diese auch über Möglichkeiten zur Hilfe informiert werden. Regelmäßiges Monitoring der psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Österreich. In Österreich gibt es derzeit kein regelmäßig in Wellen durchgeführtes Monitoring von psychischer Gesundheit, wie es etwa in vielen anderen Nationen (Deutschland, USA, Großbritannien) durchgeführt wird. Hier ist zu fordern, dass zumindest 2‑jährig eine repräsentative Erhebung zur psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen erfolgt, um frühzeitig Trends zu erkennen und gegensteuern zu können.
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1.  Mental Health and Quality of Life in Children and Adolescents During the COVID-19 Pandemic-Results of the Copsy Study.

Authors:  Ulrike Ravens-Sieberer; Anne Kaman; Christiane Otto; Adekunle Adedeji; Janine Devine; Michael Erhart; Ann-Kathrin Napp; Marcia Becker; Ulrike Blanck-Stellmacher; Constanze Löffler; Robert Schlack; Klaus Hurrelmann
Journal:  Dtsch Arztebl Int       Date:  2020-10-20       Impact factor: 5.594

2.  Mental health problems in Austrian adolescents: a nationwide, two-stage epidemiological study applying DSM-5 criteria.

Authors:  Gudrun Wagner; Michael Zeiler; Karin Waldherr; Julia Philipp; Stefanie Truttmann; Wolfgang Dür; Janet L Treasure; Andreas F K Karwautz
Journal:  Eur Child Adolesc Psychiatry       Date:  2017-05-24       Impact factor: 4.785

3.  [Child and adolescent psychiatric care 2019 in Austria-steps of care, current state and lookout].

Authors:  Rainer Fliedl; Berenike Ecker; A Karwautz
Journal:  Neuropsychiatr       Date:  2020-11-30

4.  Quality of life and mental health in children and adolescents during the first year of the COVID-19 pandemic: results of a two-wave nationwide population-based study.

Authors:  Ulrike Ravens-Sieberer; Anne Kaman; Michael Erhart; Christiane Otto; Janine Devine; Constanze Löffler; Klaus Hurrelmann; Monika Bullinger; Claus Barkmann; Nico A Siegel; Anja M Simon; Lothar H Wieler; Robert Schlack; Heike Hölling
Journal:  Eur Child Adolesc Psychiatry       Date:  2021-10-12       Impact factor: 5.349

5.  Assessment of Mental Health of High School Students 1 Semester After COVID-19-Associated Remote Schooling Measures Were Lifted in Austria in 2021.

Authors:  Elke Humer; Rachel Dale; Paul L Plener; Thomas Probst; Christoph Pieh
Journal:  JAMA Netw Open       Date:  2021-11-01

6.  Assessment of Mental Health of High School Students During Social Distancing and Remote Schooling During the COVID-19 Pandemic in Austria.

Authors:  Christoph Pieh; Paul L Plener; Thomas Probst; Rachel Dale; Elke Humer
Journal:  JAMA Netw Open       Date:  2021-06-01
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1.  [Inpatient care capacities in child and adolescent psychiatry-increase in emergency admissions during the COVID-19 pandemic?]

Authors:  Kathrin Sevecke; Anna Wenter; Maximilian Schickl; Mariella Kranz; Nikola Krstic; Martin Fuchs
Journal:  Neuropsychiatr       Date:  2022-07-11
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