Literature DB >> 33884433

[Cutaneous pseudolymphoma after hirudotherapy : Case report and review].

Susanne Hanner1, Hannah Stroh2, Alexander Enk3, Jochen Hoffmann3.   

Abstract

The term cutaneous pseudolymphoma (C-PSL) is defined in the literature as a benign, reactive lymphoproliferation that clinically and/or histopathologically imitates cutaneous lymphoma. The exact etiopathogenesis has not been fully elucidated to date. A distinction is made between primary, idiopathic PSL without an identifiable cause and secondary PSL with a known stimulus. We report the occurrence of pseudolymphoma after treatment with medicinal leeches (hirudotherapy). To the best of our knowledge, a total of only nine cases of cutaneous PSL after hirudotherapy have been reported in the literature to date.
© 2021. The Author(s).

Entities:  

Keywords:  Histology; Immunochemistry; Lymphoproliferation; Medicinal leech therapy; Molecular pathology

Mesh:

Year:  2021        PMID: 33884433      PMCID: PMC8799561          DOI: 10.1007/s00105-021-04812-6

Source DB:  PubMed          Journal:  Hautarzt        ISSN: 0017-8470            Impact factor:   0.751


Anamnese

Eine 76-jährige Patientin stellte sich mit seit über 1 Jahr bestehenden, juckenden, lividen bis erythematösen Plaques an der rechten Ferse sowie im Bereich des unteren Rückens in unserer allgemeinen Ambulanz vor. Auf intensive Nachfrage berichtete die Patientin, dass sie sich aufgrund von Gelenkschmerzen im Lendenwirbelsäulenbereich und eines Fersensporns einige Wochen vor Auftreten der Effloreszenzen 2 Sitzungen einer Blutegeltherapie durch eine Heilpraktikerin unterzogen hatte. Es wurden keine relevanten Nebenerkrankungen angegeben. Die Dauermedikation bestand aus Metoprolol, Ramipril sowie L‑Thyroxin.

Diagnostik

Hautbefund

Bei der Ganzkörperinspektion zeigten sich an oben genannten Ansatzstellen der Blutegel insgesamt 7 livide bis erythematöse, infiltrierte Plaques (Abb. 1a). Das übrige Integument und die Schleimhäute kamen unauffällig zur Darstellung. Zur weiteren diagnostischen Einordnung erfolgte die Durchführung einer Probebiopsie.

Histopathologischer Befund

Es zeigten sich knotige, lymphozytär dominierte Entzündungsinfiltrate mit vereinzelten eosinophilen Granulozyten und Plasmazellen um eine zentral gelegene, zur Epidermis senkrecht stehende Narbenzone. Zur Tiefe hin waren regelrecht ausgebildete, reaktive Follikelzentren mit Kerntrümmermakrophagen, zahlreichen Mitosen und erhaltener Mantelzone erkennbar (Abb. 1b, c).

Immunhistochemischer Befund

Immunhistochemische Färbungen zeigten ein gemischtzelliges Infiltrat mit Nachweis von zahlreichen kleinen B‑ und T‑Lymphozyten (Positivität für CD4- und CD20).

Laborbefund

Die Lues- und Borrelienserologie waren negativ.

Diagnose

In Zusammenschau der Anamnese, des klinischen Befundes, der Histopathologie sowie der Immunhistochemie stellten wir die Diagnose kutaner Pseudolymphome (PSL) nach medizinischer Blutegeltherapie.

Therapie und Verlauf

Es wurde eine topische Behandlung mit Mometason eingeleitet. Bei der letzten Wiedervorstellung zur Verlaufskontrolle nach 24 Monaten zeigten sich nur noch dezent sichtbare livide Verfärbungen im Bereich der ehemaligen Knoten an der Lendenwirbelsäule.

Diskussion

Unter dem Begriff Pseudolymphom (PSL) oder kutane lymphoide Hyperplasie versteht man eine benigne, reaktive Lymphoproliferation der Haut, die klinisch und/oder histologisch ein malignes Lymphom simulieren kann [1, 2]. Es handelt sich um eine heterogene Gruppe von Entitäten, die sich klinisch, histologisch, immunhistochemisch sowie ätiologisch unterscheiden [1]. In den letzten Jahren wurden in der Literatur zahlreiche Klassifikationen für Pseudolymphome publiziert [1]. Diese beinhalten Einteilungen der PSL nach dem Immunphänotyp (T-Zell‑, B‑Zell- oder gemischtzellig), den histopathologischen Merkmalen, der Ätiologie sowie nach unterschiedlichen klinischen Merkmalen [2]. Eine international etablierte, konsensusbasierte Klassifikation analog der WHO(World Health Organization)-EORTC(European Organization for Research and Treatment of Cancer)-Klassifikation für kutane Lymphome liegt bis zum jetzigen Zeitpunkt nicht vor [1]. Man unterscheidet die primären, idiopathischen PSL ohne erkennbare Ursache von den sekundären PSL mit bekanntem Stimulus [3, 4]. Triggerfaktoren umfassen u. a. verschiedene Medikamente und Infektionen, aber auch Traumata wie Tattoos, Insektenstiche, Akupunktur und Impfungen [2, 4–6]. Ein typisches histologisches Merkmal der kutanen PSL ist das Vorhandensein eines polyklonalen, lymphozytären Infiltrats in der oberen Dermis [4]. Charakteristisch für die PSL ist ein gutartiger Verlauf. Aufgrund der selten beschriebenen malignen Transformation sowie der mitunter erheblichen differenzialdiagnostischen Schwierigkeiten sollten regelmäßige Nachsorgeuntersuchungen erfolgen [1, 5]. In dem vorliegenden Fall kam es zu einem Auftreten von Pseudolymphomen nach einer Behandlung mit medizinischen Blutegeln (Hirudotherapie). Bisher wurden nach bestem Wissen und Gewissen insgesamt nur 9 Fälle von kutanen PSL nach Hirudotherapie in der Literatur beschrieben [3-11], die in Tab. 1 zusammengefasst sind. Histologisch und immunhistochemisch zeigte sich ein breites Bild ohne Dominanz eines Musters. Therapeutisch wurde zumeist entweder eine topische oder intraläsionale Steroidbehandlung durchgeführt. Hierunter kam es in den berichteten Fällen zu einer Befundbesserung.
Autor (Jahr, Referenz)Alter/GeschlechtLokalisationIndikation der HirudotherapieImmunhistochemieTherapieFollow-up
Hanner et al. (aktueller Fall)76/wUnterer Rücken (lumbal), FerseGelenkschmerzen, FersenspornGemischt T‑ und B‑lymphozytäres InfiltratTopische STLangsam rückläufige Läsion
Sepaskhah et al. (2020), [11]44/wSchienbeinErythema nodosumNicht durchgeführtSystemische STRückläufige Läsionen
Topische ST
Intraläsionale ST
Sadati et al. (2019), [9]45/wUntere ExtremitätenVarikose und SchmerzenNicht durchgeführtTopische STKomplett rückläufige Läsionen
Kryotherapie
Temiz et al. (2019), [5]54/mHalsUnbekanntT‑lymphozytär dominiertes InfiltratIntraläsionale STNach 1 Monat: rückläufige Läsionen
Nach 6 Monaten: kein Rezidiv
Aktas et al. (2018), [10]65/wUnterer Rücken (lumbal)RückenschmerzenNicht durchgeführtIntraläsionale STRückläufige Läsionen
Kryotherapie
Tupikowska et al. (2018), [4]38/wRegio pubicaUterusmyomGemischtzelliges, T‑lymphozytär dominiertes InfiltratOrale AHLangsam rückläufige Läsionen
Topische ST
Intraläsionale ST
Intramuskuläre ST
Kryotherapie
Altamura et al. (2014), [7]50er/wRückenFibromyalgieB‑lymphozytär dominiertes InfiltratTopische STNach 1 Monat: komplett rückläufige Läsionen
Nach 15 Monaten: kein Rezidiv
Khelifa et al. (2013), [6]77/wUnterer Rücken (lumbal)Rückenschmerzen bei lumbaler SpinalkanalstenoseGemischt T‑ und B‑lymphozytäres InfiltratTopische und intraläsionale STRückläufige Läsionen
Choi et al. (2012), [3]52/mUnterlid bds.Infraorbitale AugenringeGemischtzelliges, T‑lymphozytär dominiertes InfiltratIntraläsionale STNach 3 Monaten: rückläufige Läsionen
Smolle et al. (2000), [8]56/wUnterschenkel bds.Chronisch venöse InsuffizienzB‑lymphozytär dominiertes InfiltratIntraläsionale STLangsam rückläufige Läsionen

w weiblich, m männlich, ST Steroidtherapie, AH Antihistaminika, bds. beidseits

w weiblich, m männlich, ST Steroidtherapie, AH Antihistaminika, bds. beidseits Im letzten Jahrzehnt gewann die Blutegeltherapie mit neuen Einsatzbereichen an zunehmender Bedeutung [8]. Die Hauptindikationen der medizinischen Blutegeltherapie stellen unterschiedliche Gelenkerkrankungen wie Osteoarthritis und Epikondylitis, Venenerkrankungen sowie die Lappenplastik der plastischen Chirurgie dar [12]. Die Blutegel umfassen mehr als 600 verschiedene Arten, der bekannteste und in der Medizin vorrangig eingesetzte Vertreter ist der Hirudo medicinalis [6, 12]. Bis dato konnten mehr als 20 bioaktive Substanzen im Speichelsekret der Blutegel mit u. a. analgetischen, antiinflammatorischen, plättchenhemmenden, gerinnungshemmenden und Thrombin-regulatorischen Funktionen sowie mit antimikrobiellen und extrazellulären Matrix-abbauenden Wirkungen identifiziert werden [12]. Mögliche Komplikationen sind Infektionen, Blutungen, Anämie, allergische Reaktionen sowie Narbenbildung [3]. Zudem können – wie im dargelegten Fall – kutane PSL als seltene, aber beachtenswerte Nebenwirkungen der Blutegeltherapie auftreten. Die Pathogenese der kutanen PSL nach Hirudotherapie ist bis heute nicht gänzlich geklärt. Die pseudolymphomatösen Reaktionen werden vermutlich durch den Biss der scharfen Zähne, durch Substanzen der Blutegel oder durch infektiöse Erreger, die während der Behandlung übertragen werden, bedingt [6, 8]. Als möglicher Pathomechanismus wird eine verzögerte Hypersensitivitätsreaktion auf Bestandteile der Insekten diskutiert [3]. In der Literatur wurden selten sowohl irritative als auch allergische Kontaktdermatitiden nach medizinischer Blutegeltherapie beschrieben [13]. Hirudin kommt als ein mögliches, auslösendes Agens in Betracht [13]. Die definitive Identifikation des auslösenden Agens ist bei mehr als 100 nachgewiesenen Proteinen mit einem molekularen Gewicht zwischen 10 und 97 kD im Speichelsekret der Blutegel allerdings schwierig [13]. Auch für erfahrene Mediziner ist die Diagnose eines Pseudolymphoms oftmals eine Herausforderung und erfordert nicht selten die Korrelation aller Befunde – der Klinik, der Histologie, der Immunhistochemie und der Molekularpathologie. Es ist zu erwarten, dass mit zunehmender Anwendung der Blutegeltherapie in unterschiedlichen Bereichen der Medizin auch die kutanen Nebenwirkungen häufiger beobachtet werden. Daher sollte bei der differenzialdiagnostischen Abklärung von Pseudolymphomen auch diese seltene Ursache bedacht werden.

Fazit für die Praxis

Auch für erfahrene Mediziner ist die Diagnose eines Pseudolymphoms oftmals eine Herausforderung und erfordert nicht selten die Korrelation aller Befunde – der Klinik, der Histologie, der Immunhistochemie und der Molekularpathologie. Es ist zu erwarten, dass mit zunehmender Anwendung der Blutegeltherapie in unterschiedlichen Bereichen der Medizin auch die kutanen Nebenwirkungen häufiger beobachtet werden. Daher sollte bei der differenzialdiagnostischen Abklärung von Pseudolymphomen auch diese seltene Ursache bedacht werden.
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1.  Cutaneous pseudolymphoma induced by Hirudo medicinalis therapy.

Authors:  Yuri Choi; Soo-Chan Kim
Journal:  J Dermatol       Date:  2011-12-05       Impact factor: 4.005

2.  Cutaneous Pseudolymphoma Due to Hirudotherapy

Authors:  Selami Aykut Temiz; İlkay Özer; Arzu Ataseven; Recep Dursun; Sıddıka Fındık
Journal:  Turkiye Parazitol Derg       Date:  2019-03-28

Review 3.  Cutaneous pseudolymphoma-A review on the spectrum and a proposal for a new classification.

Authors:  Christina Mitteldorf; Werner Kempf
Journal:  J Cutan Pathol       Date:  2019-07-31       Impact factor: 1.587

4.  Cutaneous pseudolymphomas after leech therapy.

Authors:  Elhem Khelifa; Gürkan Kaya; Emmanuel Laffitte
Journal:  J Dermatol       Date:  2013-06-05       Impact factor: 4.005

5.  Multiple pseudolymphomas caused by Hirudo medicinalis therapy.

Authors:  J Smolle; L Cerroni; H Kerl
Journal:  J Am Acad Dermatol       Date:  2000-11       Impact factor: 11.527

6.  Cutaneous lymphoid hyperplasia induced by Hirudo medicinalis (leeches).

Authors:  Maryam Sadat Sadati; Maryam Rezaee; Sara Ghafarpur; Fatemeh Sari Aslani; Ladan Dastgheib; Reza Jahankhah
Journal:  J Complement Integr Med       Date:  2019-12-04

7.  Cutaneous complications of improper leech application.

Authors:  Aldona Pietrzak; Jean Kanitakis; Krzysztof Tomasiewicz; Bartłomiej Wawrzycki; Jolanta Kozłowska-Łój; Ewa Dybiec; Grażyna Chodorowska
Journal:  Ann Agric Environ Med       Date:  2012       Impact factor: 1.447

Review 8.  Medicinal leech therapy-an overall perspective.

Authors:  Ali K Sig; Mustafa Guney; Aylin Uskudar Guclu; Erkan Ozmen
Journal:  Integr Med Res       Date:  2017-08-10

9.  Hirudotherapy - a rare cause of pseudolymphoma.

Authors:  Małgorzata Tupikowska; Zdzisław Woźniak; Marta Wojciechowska-Zdrojowy; Joanna Maj; Alina Jankowska-Konsur
Journal:  Postepy Dermatol Alergol       Date:  2018-04-24       Impact factor: 1.837

10.  Cutaneous Pseudolymphoma As a Rare Adverse Effect of Medicinal Leech Therapy: A Case Report and Review of the Literature.

Authors:  Mozhdeh Sepaskhah; Nazafarin Yazdanpanah; Fatemeh Sari Aslani; Mojgan Akbarzadeh Jahromi
Journal:  Cureus       Date:  2020-04-02
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