Burkhard Dirks1, Bernd W Böttiger1,2. 1. Deutscher Rat für Wiederbelebung - German Resuscitation Council (GRC) e. V., c/o Sektion Notfallmedizin, Universitätsklinikum Ulm, 89070 Ulm, Deutschland. 2. Klinik für Anästhesiologie und Operative Intensivmedizin, Universitätsklinikum Köln, Kerpener Straße 62, 50937 Köln, Deutschland.
Liebe Leserinnen, liebe Leser,heute sind wir in der glücklichen Lage, Ihnen wieder eines der wichtigen und alle fünf Jahre erscheinenden Updates der Reanimationsleitlinien anzukündigen und auch bereits in der deutschen Übersetzung vorzustellen. Dabei ist es gerade einmal ein knappes Jahr her, da mussten European Resuscitation Council (ERC) und German Resuscitation Council – Deutscher Rat für Wiederbelebung (GRC) ihre Leitlinien zur Reanimation von Erwachsenen und Kindern an die COVID-19-Pandemie anpassen [1-5]. Es war damals abzuwägen zwischen den Notwendigkeiten des Selbstschutzes der Helfer*innen und dem optimalen Nutzen für die betroffenen Patient*innen.Die Übersetzung der kompletten ERC-Reanimationsleitlinien in der kommenden Notfall+RettungsmedizinDie neuen europäischen Leitlinien sind gerade eben in der englischen Originalversion erschienen (Vorbereitung der Publikation in Resuscitation [6]) und wir haben für Sie mit einer großen Autoren- und Übersetzergruppe die deutsche Ausgabe bzw. Übersetzung unmittelbar nach Verfügbarkeit des Manuskripts vorbereitet. In der kommenden Ausgabe von Notfall + Rettungsmedizin finden Sie die gesamte Übersetzung. Schon jetzt können wir Ihnen auf den Internetseiten des GRC die Kurzversion „Leitlinien kompakt“ zur Lektüre anbieten. Der Springer-Verlag hat uns erfreulicherweise zugesagt, das Heft 4 sofort herauszubringen, sobald es fertiggestellt ist, ohne den regulären Erscheinungstermin abzuwarten.Leitlinien beeinflussen zunehmend die Planung und Bewertung medizinischen Handelns; deshalb sind die Sorgfalt, mit der diese Leitlinien erstellt wurden, die Stringenz des Evidenzbewertungsprozesses, die Standards und die Transparenz der Erstellung hochprofessionell und außerordentlich beruhigend. Sie folgen dabei den vom Guidelines International Network entwickelten Grundsätzen für die Leitlinienentwicklung [7]. Dies umfasst die Orientierungshilfen zur Zusammensetzung des Gremiums, zum Entscheidungsprozess, zu Interessenkonflikten, zum Leitlinienziel, zur Entwicklungsmethodik, zur Überprüfung der gesamten vorliegenden Evidenz, zur Grundlage der Empfehlungen, zur Bewertung von Evidenz und Empfehlungen, zur Leitlinienrevision sowie zur Aktualisierung von Prozessen und zur Finanzierung. Sowohl der Leitlinienrahmen als auch der Leitlinienentwurf wurden vor dem eigentlichen Publikationsprozess auch bereits im Oktober 2020 „for public comment“ vorübergehend im Netz öffentlich zugänglich gemacht.In den vergangenen fünf Jahren haben einige Aspekte der Reanimationswissenschaft an zusätzlicher Bedeutung gewonnen. Dies spiegelt auch und in besonderer Weise die Kapitelaufteilung der neuen Leitlinien wider. So sind die Kenntnisse über die Epidemiologie und die Konzepte („Systeme, die Leben retten“) in dieser Zeit erheblich gewachsen, sie werden konsequenterweise nicht mehr in den Kapiteln BLS („basic life support“) und ALS („advanced life support“) und damit fast unter „ferner liefen“ abgehandelt, sondern sie werden nun separat und prominent dargestellt. Engagierte Ersthelfer und Organisationsverantwortliche werden sehr wertvolle Daten, Empfehlungen und Hinweise finden. „BLS“ und „ALS“ stellen das aktualisierte Standardvorgehen dar, viele Situationen erfordern aber dabei bisweilen auch, davon – wenn gut begründet – abzuweichen. Leitlinien sind ausdrücklich Leitlinien, keine Richtlinien. Dazu gibt das Kapitel „Kreislaufstillstand unter besonderen Umständen“ erheblich erweiterte Hinweise. Der interdisziplinären Mission des ERC und GRC entsprechend wurden die Empfehlungen zur „Postreanimationsbehandlung“ in diesen neuen Leitlinien gemeinsam mit der Europäischen Gesellschaft für Intensivmedizin (ESICM) erarbeitet. Die vorliegende Evidenz zur Ersten Hilfe lässt auch weiterhin – in diesem Bereich fehlen nach wie vor u. a. große, randomisierte Studien – eher zu wünschen übrig. Und dennoch konnten auch hier einige Maßnahmen neu bewertet werden.Die über einen Zeitraum von mehreren Jahren von zahlreichen nationalen und internationalen Experten in einem hochstandardisierten Prozess aktuell bewertete Evidenz wurde in den folgenden Themengebieten zusammengefasst:EpidemiologieSysteme, die Leben rettenBasismaßnahmen zur Wiederbelebung Erwachsener (BLS)Erweiterte Reanimationsmaßnahmen für Erwachsene (ALS)Kreislaufstillstand unter besonderen UmständenPostreanimationsbehandlungErste HilfeDie Versorgung und Reanimation des Neugeborenen nach der Geburt (NLS)Lebensrettende Maßnahmen bei Kindern (PLS)EthikAusbildungZu all diesen Themen werden Sie in den neuen Leitlinien – basierend auf der weltweit vorliegenden wissenschaftlichen Evidenz mit allen dazu gehörenden wissenschaftlichen Publikationen – sehr klare Aussagen zur Wertigkeit der Evidenz der dargestellten Maßnahmen und zur Stärke der Empfehlung finden (Tab. 1).
Sicherheitslevel
Beschreibung
Hoch
Wir sind sehr sicher, dass der wahre Effekt nahe am Schätzwert liegt
Mäßig
Wir sind mäßig sicher: Der tatsächliche Effekt liegt wahrscheinlich nahe am Schätzwert, es besteht jedoch die Möglichkeit, dass er wesentlich abweicht
Niedrig
Unser Vertrauen in die Schätzung des Effekts ist begrenzt: Der wahre Effekt kann sich erheblich vom Schätzwert unterscheiden
Sehr niedrig
Wir haben sehr wenig Vertrauen in die Schätzung des Effekts: Der wahre Effekt unterscheidet sich wahrscheinlich erheblich vom Schätzwert
Es gibt dabei zwei Hauptstärken der Empfehlungen:Eine starke Empfehlung zeigt, dass die Leitlinienautoren sicher waren, dass die erwünschten Effekte die unerwünschten eindeutig überwiegen. Wir sagen dann: „wir empfehlen“.Bei schwächeren Empfehlungen, bei denen die Leitlinienautoren nicht sicher waren, dass die gewünschten Effekte die unerwünschten immer deutlich überwiegen, drücken wir dies durch „wir schlagen vor“ aus.In allen Bereichen der Reanimationsforschung, in denen es entweder keine oder nur eine unzureichende Evidenz gibt, um eine evidenzbasierte Behandlungsempfehlung zu formulieren, wird die konsentierte Expertenmeinung dargestellt. Die Leitlinien lassen dabei stets klar erkennen, was evidenzbasiert ist und was konsentierte Expertenmeinung darstellt.Die neuen ERC-Leitlinien in der durch den GRC, ARC (Österreichischer Rat für Wiederbelebung), SRC (Schweizer Rat für Wiederbelebung) und LRC (Luxemburgischer Rat für Wiederbelebung) autorisierten deutschen Übersetzung werden über die jeweiligen Websites und als Veröffentlichung im offiziellen GRC-Journal Notfall + Rettungsmedizin frei verfügbar sein.Wir wünschen Ihnen sehr viel Vergnügen bei der Lektüre dieser umfangreichen Darstellungen und gerne auch unserer Leitlinien-Kurzversion mit allen zentralen Aussagen der neuen Reanimationsleitlinien. Und wir wünschen Ihnen viel Erfüllung und Erfolg bei Ihrer klinischen Patientenversorgung auf aktuellstem Niveau.Mit herzlichen GrüßenBurkhard DirksBernd W. Böttiger
Authors: Amir Qaseem; Frode Forland; Fergus Macbeth; Günter Ollenschläger; Sue Phillips; Philip van der Wees Journal: Ann Intern Med Date: 2012-04-03 Impact factor: 25.391
Authors: P Van de Voorde; D Biarent; B Bingham; O Brissaud; N De Lucas; J Djakow; F Hoffmann; T Lauritsen; A M Martinez; N M Turner; I Maconochie; K G Monsieurs Journal: Notf Rett Med Date: 2020-06-10 Impact factor: 0.826
Authors: C Lott; F Carmona; P Van de Voorde; A Lockey; A Kuzovlev; J Breckwoldt; J P Nolan; K G Monsieurs; J Madar; N Turner; A Scapigliati; L Pflanzl-Knizacek; P Conaghan; D Biarent; R Greif Journal: Notf Rett Med Date: 2020-06-10 Impact factor: 0.826
Authors: T Olasveengen; M Castrén; A Handley; A Kuzovlev; K G Monsieurs; G Perkins; V Raffay; G Ristagno; F Semeraro; M Smyth; J Soar; H Svavarsdóttir Journal: Notf Rett Med Date: 2020-06-10 Impact factor: 0.826
Authors: J Soar; C Lott; B W Böttiger; P Carli; K Couper; C D Deakin; T Djärv; T Olasveengen; P Paal; T Pellis; G D Perkins; C Sandroni; J P Nolan Journal: Notf Rett Med Date: 2020-06-10 Impact factor: 0.826
Authors: J Madar; C Roehr; S Ainsworth; H Ersdal; C Morley; M Rüdiger; C Skåre; T Szczapa; A Te Pas; D Trevisanuto; B Urlesberger; D Wilkinson; J Wyllie Journal: Notf Rett Med Date: 2020-06-10 Impact factor: 0.826