Jennifer Kranz1,2, Florian M E Wagenlehner3. 1. Klinik für Urologie und Kinderurologie, St.-Antonius-Hospital gGmbH, Akademisches Lehrkrankenhaus der RWTH Aachen, Dechant‑Deckers‑Str. 8, 52249, Eschweiler, Deutschland. jennifer.kranz@sah-eschweiler.de. 2. Universitätsklinik und Poliklinik für Urologie, Universitätsklinikum Halle (Saale), Halle (Saale), Deutschland. jennifer.kranz@sah-eschweiler.de. 3. Klinik und Poliklinik für Urologie, Kinderurologie und Andrologie, Justus-Liebig-Universität Gießen, Rudolf-Buchheim-Straße 7, 35392, Gießen, Deutschland. Florian.Wagenlehner@chiru.med.uni-giessen.de.
Das vorliegende Heft widmet sich mit seinem Schwerpunkt „Infektiologie“ einem wesentlichen Bestandteil unseres Fachgebiets, denn die Urologie wird in besonderem Maße mit einer stetigen Zunahme an Infektionen und antimikrobiellen Resistenzen konfrontiert.Einerseits zählen Harnwegsinfektionen sowohl im ambulanten als auch im stationären Bereich mit zu den häufigsten bakteriellen Infektionen in Deutschland und stellen damit eine Volkskrankheit dar, welcher durch den demographischen Wandel ein weiterer Vorschub geleistet wird. Andererseits kommt der perioperativen Antibiotikaprophylaxe vor dem Hintergrund global zunehmender antimikrobieller Resistenzen ein besonderer Stellenwert in operativen Fachdisziplinen mit hoher Erregerdichte – wie der Urologie – zu. Zudem unterstreicht die aktuelle COVID-19-Pandemie die Bedeutung der Impfmedizin für unsere Gesellschaft. Denn die Impfmedizin zählt zu den effektivsten Waffen im Kampf gegen unterschiedliche Infektionskrankheiten.Dieses Themenheft umfasst die wesentlichen Aspekte urologischer Infektionen von den komplexen Interaktionen des menschlichen Mikrobioms, über die Diagnostik, Therapie und Prophylaxe wichtiger urologischer Infektionsentitäten bis hin zu Strategien des „antibiotic stewardship“ in Praxis und Klinik.G. Magistro et al. berichten in ihrem Beitrag über die Rolle des Mikrobioms in der Urologie. Das lang verfolgte Sterilitätskonzept des Harntraktes wurde inzwischen durch aktuelle Forschungsergebnisse verworfen und das Konzept der Mikrobiomdysbalance in den Vordergrund gerückt. Erste wachsende Erkenntnisse dieser komplexen Interaktionen bei uroonkologischen Erkrankungen könnten zukünftig neue präventive wie auch therapeutische Angriffspunkte darstellen. Auch bei benignen Entitäten wie der interstitiellen Zystitis, überaktiven Blase oder chronischen Prostatitis kommt dem Mikrobiom eine besondere Bedeutung zu.A. Gessner diskutiert aktuelle Strategien des „antibiotic stewardship“ in der urologischen Praxis und Klinik. Die zunehmenden multiresistenten Erreger stellen unser Gesundheitssystem vor eine große Herausforderung. Nur durch den rationalen und verantwortungsvollen Einsatz von antimikrobiellen Substanzen kann dieser Entwicklung Einhalt geboten werden.J. Kranz et al. beschäftigen sich in ihrem Beitrag mit komplizierten Harnwegsinfektionen, welche im Vergleich zu unkomplizierten Infektionen ein höheres Chronifizierungs‑, Rezidiv- und/oder Progressionsrisiko haben. Eine Standardisierung der Definitionen und Klassifikationen komplizierter Harnwegsinfektionen ist aus klinischer Sicht besonders wichtig und für vergleichbare Forschungsvorhaben notwendig. Das ESIU-Klassifikationssystem bietet erstmals eine detaillierte Stratifizierung nach verschiedenen Risikofaktoren, dem Schweregrad und Verfügbarkeit wirksamer Behandlungsmöglichkeiten. Weiterhin werden diagnostische und therapeutische Optionen komplizierter Harnwegsinfektionen in diesem Beitrag thematisiert.A. Pilatz et al. widmen sich einem für uns Urologen äußerst wichtigem und klinisch relevantem Thema – der Infektionsprävention bei der Prostatastanzbiopsie. Infektionskomplikationen nach Prostatabiopsie sind von zunehmender Relevanz und Fluorchinolone sind als perioperative Antibiotikaprophylaxe in Deutschland durch das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte nicht mehr zugelassen. Die Übersichtsarbeit zeigt auf, mit welchen Strategien Infektionskomplikationen bei der Prostatabiopsie signifikant reduziert werden können.P. Schneede et al. weisen in ihrem Beitrag darauf hin, wie wir Urologen gleich mit diversen Impfangeboten dazu beitragen können, die Gesundheit unserer Patienten zukünftig besser zu schützen. Neben der HPV-Impfung von Kindern und Jugendlichen soll gerade auch an Patienten über 60 Jahren in diesem Beitrag gezeigt werden, wie Urologen als Impfärzte ihrer Verantwortung zur Umsetzung der staatlichen Impfempfehlungen nachkommen können.Dieses Themenheft verdeutlicht abermals die Vielseitigkeit unserer Fachdisziplin und stellt heraus, dass Infektionen zu unserer Kernkompetenz gehören. Zudem gibt dieses Themenheft einen Ausblick auf die zukünftigen Entwicklungen und die zu erwartenden Herausforderungen.
Authors: Laila Schneidewind; Fabian P Stangl; Desiree L Dräger; Florian M E Wagenlehner; Oliver W Hakenberg; Jennifer Kranz Journal: Urologie Date: 2022-07-13