Literature DB >> 33169086

[Colon cancer screening in times of COVID-19].

Jürgen F Riemann1,2.   

Abstract

The coronavirus pandemic has a lasting influence on the healthcare landscape particularly in Germany, even though this crisis has currently been effectively managed. Patient visits to primary care physicians as well as to specialists and admissions to hospitals have been significantly reduced with the possible effect of reduced early diagnosis and treatment. Colon cancer screening has been on the increase for many years but now in the pandemic numerous screening colonoscopies have been cancelled. Now more than ever in the declining phase of the pandemic the public should be aware that the nationwide invitation procedure for colon cancer screening should be taken seriously because prevention of colon cancer also saves numerous lives. © Springer Medizin Verlag GmbH, ein Teil von Springer Nature 2020.

Entities:  

Keywords:  Cancer Screening and Register Act; Colon cancer screening; Colonoscopy; Coronavirus; Foundation LebensBlicke

Year:  2020        PMID: 33169086      PMCID: PMC7609260          DOI: 10.1007/s11377-020-00483-2

Source DB:  PubMed          Journal:  Gastroenterologe        ISSN: 1861-9681


Hintergrund

Mit über 33 Mio. infizierten Personen hat die COVID-19(„coronavirus disease 2019“)-Pandemie weltweit inzwischen einen Höhepunkt erreicht; mehr als 1.000.000 Menschen sind dieser Infektion bereits erlegen (Stand Oktober 2020). Auch in Deutschland hat diese Pandemie initial große Schrecken ausgelöst und dazu geführt, dass viele Menschen aus Furcht vor einer Infektion mit dem Coronavirus Klinik- und Arztbesuche jeder Art erheblich eingeschränkt haben [1]. Hinzu kommt, dass Krankenhäuser wegen der Vorbereitung auf die befürchtete große SARS(„severe acute respiratory syndrome“)-CoV(„coronavirus“)-2-Welle ihre Kapazitäten für andere Erkrankte drastisch heruntergefahren und viele elektive Eingriffe verschoben bzw. abgesagt haben. Zu dieser allgemeinen Angst und Unsicherheit haben natürlich auch das bislang unbekannte Virus, ein gelegentlich vielstimmiger „Virologenchor“ sowie eine gut gedachte, aber sicher gerade für den Laien häufig angstfördernde mediale Berichterstattung geführt. Letztere hat der breiten Öffentlichkeit auf nahezu allen Sendern jeden Tag mit verwirrenden Zahlen mehr oder weniger transparent das Infektionsgeschehen vor Augen geführt und macht das immer noch. Nicht zuletzt auch heftige Klagen zu Beginn der Pandemie über einen Mangel an Schutzausrüstung für Ärzte und Patienten haben ihre Wirkung nicht verfehlt.

Einbruch von Arztkontakten und Absagen von Vorsorgeuntersuchungen

Erste Zahlen, z. B. der Landesärztekammer Rheinland-Pfalz, waren alarmierend: Gerade die Kontakte zum Hausarzt, also zum Versorger an der Front, sind um über 70 % eingebrochen. Eine Erhebung des Berufsverbands niedergelassener Gastroenterologen (bng) unter seinen Mitgliedern hat gezeigt, dass es zu erheblichen Absagen elektiver Untersuchungen, so auch in der Wahrnehmung von Terminen zur Darmkrebsvorsorge bzw. ihrer Nachfrage, gekommen ist (Tab. 1; [2]).
Diagnostische Koloskopien abgesagt46,49 %
Elektive Kontrollkoloskopien abgesagt73,32 %
Vorsorgekoloskopien aktiv abgesagt75,00 %
Rückgang von Koloskopienachfrage82,57 %
Absage wegen fehlender Schutzausrüstung22,07 %
Die COVID-19-Pandemie hat zu einem drastischen Einbruch der regulären Arztkontakte geführt! Erkennbare Ursachen sind Angst vor einer Infektion und Unsicherheit in der Pandemie. Die Stiftung LebensBlicke hat schon sehr früh darauf hingewiesen, dass natürlich in der ersten Phase der Pandemie, im ersten Monat, wegen der noch nicht abzuschätzenden Infektiosität des Virus, wo immer möglich, Termine verschoben werden sollten. Es wurde dann aber nach Abklingen der ersten erschreckenden Infektionszahlen sehr deutlich, dass die vorherrschende Einstellung der Menschen aus Angst und Ungewissheit bestehen blieb und die Absagen in Arztpraxen nicht geringer wurden. Die Stiftung sah sich daher schon sehr früh veranlasst, darauf aufmerksam zu machten, dass das Motto „Leben retten durch präventive Maßnahmen“ nicht nur für die augenblickliche Coronapandemie, sondern schon lange auch für die Darmkrebsvorsorge gilt (https://www.lebensblicke.de/auch-die-darmkrebsvorsorge-rettet-viele-leben/). Die Stiftung hat, unterstützt durch namhafte Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens wie den ARD-Vorsitzenden Tom Buhrow, die Öffentlichkeit durch Informationskampagnen zur Patientensicherheit in der Pandemie immer wieder aufgeklärt. Mit zahlreichen Online-Veranstaltungen (Onlineseminaren) und Positionspapieren versuchen deutsche und europäische Fachgesellschaften, zu informieren und gegenzusteuern [3]. Erste Mitteilungen zeigen inzwischen, dass das Risiko einer Coronainfektion in der Endoskopie gering ist [4]. Denn trotz vieler Fortschritte in der Bekämpfung des kolorektalen Karzinoms sind die aktuellen Prognosen für Deutschland, was die Zahl der Neuerkrankungen und der Sterbeanfälle angeht, immer noch erschreckend hoch (Tab. 2). 2020 werden etwa 55.400 Neuerkrankungen und 23.742 Todesfälle erwartet [5]. Dabei liegen wie in den letzten Jahren die Männer unverändert deutlich an der Spitze.
InzidenzMortalität
Männer: 31.300Männer: 12.873
Frauen: 24.100Frauen: 10.879
Gesamt: 55.400Gesamt: 23.752
Das bisherige Darmkrebsscreening, insbesondere die Vorsorgekoloskopie, war erfolgreich; Inzidenz und Mortalität konnten signifikant reduziert werden. Die Teilnahmeraten hätten besser gewesen sein können.

Krebsfrüherkennungs- und -registergesetz (KFRG)

Das moderne Darmkrebsfrüherkennungsprogramm, das seit 2002 mit dem Test auf okkultes Blut im Stuhl („Guaiac-based fecal occult blood testing“, g‑FOBT) und der Vorsorgedarmspiegelung gilt, war ein echtes Erfolgsmodell. V. a. die Daten der Vorsorgekoloskopie haben gezeigt, dass mit der konsequenten Anwendung tatsächlich eine signifikante Reduktion der Neuerkrankungen und der Sterblichkeit an Darmkrebs möglich ist (Abb. 1; [6]). Ernüchternd war jedoch die bisher eher moderate Teilnahmerate, die zu wünschen übriglässt. Mit dem neuen Krebsfrüherkennungs- und -registergesetz (KFRG) ist inzwischen das seit 2002 geltende opportunistische Darmkrebsscreening durch ein bundesweites organisiertes Einladungsverfahren abgelöst worden. Mit diesem KFRG wird es erstmals möglich, Menschen ab 50 Jahren aus allen Schichten der Bevölkerung persönlich, also individuell, einzuladen. Erste Daten zeigen, dass die Inanspruchnahme der Koloskopie wieder anzusteigen beginnt. Dieser Paradigmenwechsel ist ein Erfolg der Bemühungen im Nationalen Krebsplan der Bundesregierung, das Darmkrebsscreening weiterzuentwickeln [7]. Die Krankenkassen laden seit Juli 2019 ihre Versicherten im Alter von 50, 55, 60 und 65 Jahren zur Darmkrebsprävention ein. Als deutlich besserer Test auf okkultes Blut im Stuhl wird seit 2017 der immunologische Stuhltest ausgegeben. Männer haben mit dem KFRG im Gegensatz zu vorher die Chance, bereits mit 50 Jahren entweder einen Stuhltest oder eine Darmspiegelung machen zu lassen. Für Frauen gilt der Zugang zur Koloskopie unverändert erst ab 55 Jahren. Diese gesundheitspolitische Weichenstellung trägt Erkenntnissen in der Versorgungsforschung Rechnung, dass Männer durchaus früher und intensiver an Darmkrebs erkranken können [6], worauf die Stiftung LebensBlicke schon seit Jahren aufmerksam gemacht hat.
Ein Expertenworkshop der Stiftung LebensBlicke zeigt den Fortschritt durch das neue KFRG auf Ein Expertenworkshop der Stiftung LebensBlicke zeigt den Fortschritt durch das neue KFRG, aber auch Verbesserungsmöglichkeiten auf. An einem Workshop auf Einladung der Stiftung haben Experten Vorteile und Perspektiven des neuen KFRG diskutiert. Erste Erfahrungen zeigen, dass die eigentlich zu erwartende große Nachfrage bisher noch nicht in dem Maße, wie erwartet, eingetreten ist. Möglicherweise liegt das auch daran, dass das schlichte Einladungsverfahren per Brief ohne spätere Erinnerungsmöglichkeit doch nicht so ansprechend ist. Vorschläge wurden angesprochen, so etwa, die Testvergabe zu diversifizieren, also entweder den Stuhltest mitzuschicken oder niedrigschwellige Möglichkeiten für die Tests, z. B. durch Onlineangebote, zu verbessern [8]. Dass das erfolgreich ist, haben erste Studien der Arbeitsgruppe um Hermann Brenner gezeigt, die den Vorteil eines niederschwelligen Zugangs zu den Angeboten nachweisen konnten [9].

Das MFA-Projekt – eine Initiative der Stiftung LebensBlicke

Die Stiftung LebensBlicke hat zur Unterstützung der Hausärzte an der Front das MFA(medizinische Fachangestellte)-Projekt ins Leben gerufen. Es basiert auf der Qualifizierung von MFA für die Darmkrebsprävention im Sinne der Delegation einer ärztlichen Leistung. Erste Erfahrungen sowohl bei Hausärzten als auch bei MFA zeigen, dass dieser Ansatz sehr gut angenommen wird. Denn es ist damit zu rechnen, dass das KFRG auf lange Sicht doch mehr Menschen mit einer solchen Einladung in die Praxis ihres Hausarztes führt. MFA können dann wertvolle Unterstützung bei der Information über Darmkrebs anbieten. Nicht nur die COVID-19-Pandemie, auch der Darmkrebs braucht Vorsorgemaßnahmen: Beides rettet Leben! All das verdeutlicht, wie wichtig die Darmkrebsvorsorge für den Rückgang einer der häufigsten Krebserkrankungen des Menschen ist und wie gefährlich das Verschieben bzw. das Auslassen von Möglichkeiten der Vorsorge werden kann. Wir als Ärzte müssen dafür Sorge tragen, dass durch die Coronapandemie nicht eine Bugwelle von neuen Krebserkrankungen bzw. Krebserkrankungen in fortgeschritteneren Stadien entsteht, die durch rechtzeitige Vorsorge hätten verhindert werden können. Insofern kommt der Darmkrebsvorsorge auch in der Coronapandemie und gerade in ihrer Abklingphase, von der noch keiner weiß, wie lange sie dauern könnte, eine herausragende Bedeutung zu. Gerade erst ist die überaus erfreuliche Botschaft kommuniziert worden, dass im Jahr 2019 erstmals die Zahl der Vorsorgedarmspiegelungen wieder deutlich, nämlich um etwa 14 % angestiegen ist (https://www.lebensblicke.de/eilmeldung-vorsorgekoloskopien-2019-deutlich-angestiegen/). Die Coronapandemie sollte diesen Trend nicht unterbrechen! Die Stiftung LebensBlicke unterstützt daher nachhaltig alle Bemühungen, die Darmkrebsvorsorge wieder anzukurbeln, denn gerade die Darmkrebsprävention rettet langfristig viele Leben.

Fazit für die Praxis

Die Coronapandemie hat zu einem deutlichen Rückgang auch des Darmkrebsscreenings geführt. Kliniken und Arztpraxen sind inzwischen durch spezielle Hygienekonzepte bestens dafür gerüstet, Infektionen für ihre Patienten und für sich selbst weitestgehend verhindern und so entstandene Ängste vor einer Ansteckung abbauen zu können. Bei allem Schrecken vor der Pandemie darf nicht vergessen werden: Noch immer sterben jährlich ca. 23.800 Menschen an ihrer Darmkrebserkrankung, deutlich mehr als an einer Coronainfektion. Daher darf die Darmkrebsvorsorge auch in diesen Pandemiezeiten nicht aufgeschoben, schon gar nicht abgesagt werden. Es muss alles darangesetzt werden, dies in der Öffentlichkeit anhaltend deutlich zu machen. Prävention gilt für den Darmkrebs noch mehr noch als für Corona!
  4 in total

1.  Low risk of COVID-19 transmission in GI endoscopy.

Authors:  Alessandro Repici; Giovanni Aragona; Gianpaolo Cengia; Paolo Cantù; Marco Spadaccini; Roberta Maselli; Silvia Carrara; Andrea Anderloni; Alessandro Fugazza; Fabio Pace; Thomas Rösch
Journal:  Gut       Date:  2020-04-22       Impact factor: 23.059

Review 2.  [Early detection of colonic cancer in the National Cancer Program--present status and recommendations].

Authors:  J F Riemann; C Maar; M Betzler; H Brenner; T Sauerbruch
Journal:  Z Gastroenterol       Date:  2011-09-30       Impact factor: 2.000

Review 3.  Declining Bowel Cancer Incidence and Mortality in Germany.

Authors:  Hermann Brenner; Petra Schrotz-King; Bernd Holleczek; Alexander Katalinic; Michael Hoffmeister
Journal:  Dtsch Arztebl Int       Date:  2016-02-19       Impact factor: 5.594

4.  ESGE and ESGENA Position Statement on gastrointestinal endoscopy and the COVID-19 pandemic.

Authors:  Ian M Gralnek; Cesare Hassan; Ulrike Beilenhoff; Giulio Antonelli; Alanna Ebigbo; Maria Pellisè; Marianna Arvanitakis; Pradeep Bhandari; Raf Bisschops; Jeanin E Van Hooft; Michal F Kaminski; Konstantinos Triantafyllou; George Webster; Heiko Pohl; Irene Dunkley; Björn Fehrke; Mario Gazic; Tatjana Gjergek; Siiri Maasen; Wendy Waagenes; Marjon de Pater; Thierry Ponchon; Peter D Siersema; Helmut Messmann; Mario Dinis-Ribeiro
Journal:  Endoscopy       Date:  2020-04-17       Impact factor: 10.093

  4 in total
  1 in total

Review 1.  [Impact of COVID-19 on elective and emergency colorectal surgery].

Authors:  Johan F Lock; Franziska Köhler; Christoph-Thomas Germer; Sven Flemming; Armin Wiegering
Journal:  Chirurg       Date:  2021-07-13       Impact factor: 0.955

  1 in total

北京卡尤迪生物科技股份有限公司 © 2022-2023.