Liebe Kolleginnen und Kollegen,es ist mir eine besondere Freude, Ende November den ersten digitalen Kongress der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) als Kongresspräsident begleiten zu dürfen. „Psychiatrie und Psychotherapie in der sozialen Lebenswelt“, so lautet unser Kongressmotto. Psychische Erkrankungen manifestieren sich immer in einem gesellschaftlichen Umfeld, das wir in diesem Jahr besonders intensiv thematisieren wollen. In diesem Jahr hat die Covid-19-Pandemie nicht nur unsere soziale Lebenswelt grundlegend verändert. Auch unsere berufliche Situation, die Arbeit in Psychiatrie und Psychotherapie, wurde davon stark beeinflusst. So sind wir in der DGPPN ebenso wie auch Sie in Ihrer täglichen Arbeit intensiv mit den Corona-bedingten Einschränkungen und Auswirkungen befasst. Auf dem DGPPN-Kongress wollen wir uns diesem Thema widmen und uns dafür unter anderem auch mit unseren europäischen Nachbarn zu deren Erfahrungen und Umgang mit der Krisensituation austauschen.Ambulante und stationäre Behandlung müssen sich sektorenübergreifend weiter vernetzenAuch in diesen Ausnahmezeiten ist es uns wichtig, unserer Verantwortung gerecht zu werden, andere relevante und aktuelle Themen unseres Fachgebietes nicht aus dem Blick zu verlieren. Dazu zählt unter anderem die Auseinandersetzung mit der Frage, wie wir eine erfolgreiche sektorenübergreifende Zusammenarbeit ambulanter und stationärer Behandlung gestalten und dabei die Hilfen zur Wiedereingliederung und Rehabilitation sinnvoll einbinden können [1]. Im Sinne eines ganzheitlichen personenzentrierten Ansatzes ist für uns in diesem Zusammenhang auch die Förderung innovativer Modelle zur Vernetzung für eine personalisierte Somato- und Psychotherapie äußerst relevant.Ein zentrales Anliegen ist für uns die Auseinandersetzung mit den Auswirkungen von Rassismus und anderen Formen der Diskriminierung auf die psychische Gesundheit sowie der Rolle des Rassismus in der Geschichte der Psychiatrie [2]. Mit dem DGPPN-Fachreferat „Interkulturelle Psychiatrie und Psychotherapie, Migration“ und einer Arbeitsgruppe von Community-Vertretern beschäftigt sich die DGPPN intensiv mit diesem Thema. Eine Reihe von Kongressveranstaltungen nimmt das Thema in den Fokus und lädt ein zu Austausch und anschließender Diskussion. Insbesondere freuen wir uns auf die Lectures von Suman Fernando, Amma Yeboah und Eva Illouz.Wohnungslosigkeit ist ein weiterer Bereich, dem wir uns mit Blick auf das Thema soziale Exklusion und seelische Gesundheit zuwenden [3]. Im Rahmen eines Präsidentensymposiums wird sich Stefan Priebe u. a. damit beschäftigen, wie die Psychiatrie Obdachlosen helfen kann.Um Ihnen bereits heute einen Einblick in die Themen zu geben, beschäftigen sich die Beiträge der Kongressausgabe von Der Nervenarzt mit einer Auswahl aus den oben ausgeführten Schwerpunktthemen:Psychosoziale Funktionsfähigkeiten sind bei schweren psychischen Erkrankungen häufig erheblich eingeschränkt. Entsprechend zählen psychosoziale Interventionen – neben somatischen und psychotherapeutischen – zu den wesentlichen Bestandteilen einer ganzheitlichen Behandlung. Hierzu bedarf es eines abgestimmten Zusammenwirkens mehrdimensionaler, multiprofessioneller Angebote.Psychosoziale Interventionen sind wesentlicher Bestandteil einer ganzheitlichen BehandlungU. Gühne und Kollegen geben einen anschaulichen Überblick über die S3-Leitlinie „Psychosoziale Therapien bei schweren psychischen Erkrankungen“, deren Ziel es ist, zu einer verbesserten Teilhabe und einem weitestgehend selbstbestimmten Leben beizutragen.N. Mönter und Kollegen beschäftigen sich mit der Frage, wie eine zeitgemäße Behandlung psychisch erkrankter Menschen gelingen kann. Sie geben einführend einen differenzierten Blick auf die Historie der Entstehung ambulanter psychiatrischer Versorgungsmodelle. Davon ausgehend arbeiten sie Stärken und Schwächen der psychiatrischen Versorgung in Deutschland heraus und plädieren u. a. für eine gemeinsame Verantwortungsstruktur aller an der ambulanten Behandlung beteiligten Berufsgruppen. Exemplarisch werden zwei erfolgreiche ambulante Versorgungsmodelle mit einem multimodalen, berufsgruppen- und sektorübergreifenden Ansatz vorgestellt.In ihrem Beitrag über Rassismus und psychische Gesundheit arbeiten U. Kluge und Kollegen heraus, dass die Begriffe „Rasse“ und „Rassen“ keine biologische oder genetische Entsprechung haben, sondern soziale Konstrukte darstellen, die als Machtkategorien Einfluss auf das soziale Geschehen nehmen. Sie weisen darauf hin, dass marginalisierte Bevölkerungsgruppen wie beispielsweise Menschen mit Migrationshintergrund in besonderem Maße von Diskriminierung und dadurch bedingten psychischen Belastungen betroffen sind. Die Beschreibung der Wirkung von Diskriminierungserfahrungen auf individueller, institutioneller und struktureller Ebenen verdeutlicht die Komplexität und Vielschichtigkeit der Problematik. Um dem zu begegnen, schlagen die Autoren u. a. vor, eine offene Diskussionskultur zu etablieren mit dem Ziel, ein institutionelles Bewusstsein für Diskriminierungen zu schaffen und Wege zu deren Abbau zu erarbeiten.Auch S. Schreiter und Kollegen widmen sich in ihrem Beitrag über Wohnungslosigkeit dem Zusammenhang von gesellschaftlicher und institutioneller Ausgrenzung und psychischer Gesundheit. Ausgehend von einer historischen Einbettung geben die Autoren einen umfassenden Überblick über die bestehende Forschung zu Wohnungslosigkeit und psychischen Erkrankungen. Dabei weisen sie auf Versorgungsbarrieren, -lücken und besondere Herausforderungen hin und leiten ausblickend Lösungsstrategien für eine künftig bessere Versorgung Wohnungsloser ab.Ich wünsche Ihnen nun eine spannende Lektüre mit interessanten Denkanstößen und freue mich, Sie in digitaler Form Ende November zum DGPPN-Kongress begrüßen zu dürfen.Prof. Dr. med. Dr. phil. Andreas HeinzPräsident der DGPPN
Authors: Stefanie Schreiter; Felix Bermpohl; Michael Krausz; Stefan Leucht; Wulf Rössler; Meryam Schouler-Ocak; Stefan Gutwinski Journal: Dtsch Arztebl Int Date: 2017-10-06 Impact factor: 5.594