N E Holz1, F Nees2,3, A Meyer-Lindenberg4, H Tost4, H Hölling5, T Keil6,7,8, D Brandeis2,9,10,11, M Romanos12, T Banaschewski2. 1. Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters, Zentralinstitut für seelische Gesundheit, Medizinische Fakultät Mannheim, Universität Heidelberg, J5, 68167, Mannheim, Deutschland. nathalie.holz@zi-mannheim.de. 2. Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters, Zentralinstitut für seelische Gesundheit, Medizinische Fakultät Mannheim, Universität Heidelberg, J5, 68167, Mannheim, Deutschland. 3. Institut für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie, Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Universität Kiel, Kiel, Deutschland. 4. Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Zentralinstitut für seelische Gesundheit, Medizinische Fakultät Mannheim, Universität Heidelberg, Mannheim, Deutschland. 5. Robert Koch-Institut, Berlin, Deutschland. 6. Institut für Klinische Epidemiologie und Biometrie, Universität Würzburg, Würzburg, Deutschland. 7. Landesinstitut für Gesundheit, Bayerisches Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit, Bad Kissingen, Deutschland. 8. Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie, Charité - Universitätsmedizin Berlin, Berlin, Deutschland. 9. Zentrum für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, Psychiatrische Universitätsklinik Zürich, Zürich, Schweiz. 10. Zürcher Zentrum für Integrative Humanphysiologie, Universität Zürich, Zürich, Schweiz. 11. Zentrum für Neurowissenschaften, Universität und ETH Zürich, Zürich, Schweiz. 12. Zentrum für Psychische Gesundheit (ZEP), Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie, Universitätsklinikum Würzburg, Würzburg, Deutschland.
Abstract
BACKGROUND: Longitudinal cohort studies with early start and life span perspectives are increasingly recognized as being crucial to uncover developmental trajectories as well as risk and resilience factors of psychiatric disorders. OBJECTIVE: The importance of longitudinal studies is presented and the main findings of the Mannheim study of children at risk (MARS), the adolescent brain cognitive development (ABCD), the pediatric and adolescent health survey (Kinder- und Jugendgesundheitssurvey, KiGGS) and the AIMS longitudinal European autism project (LEAP) cohort studies are described. MATERIAL AND METHODS: A literature search was carried out in MEDLINE. RESULTS: The MARS followed participants with psychosocial and organic risks over more than 30 years starting from birth and showed the importance of early risk factors (prenatal period up to early childhood) for neuropsychosocial development. The ABCD cohort study (start 9-10 years old) underlined the developmental significance of early socioemotional and prenatal risks as well as toxin exposure. The KiGGS cohort followed children and adolescents from age 0-17 years up to the ages of 10-28 years. Main findings underline the importance of the socioeconomic status and gender-specific effects with respect to sensitive periods for the onset and trajectories of psychiatric disorders. The AIMS cohort followed patients with and without autism spectrum disorders aged between 6 and 30 years and first results revealed small effects regarding group differences. Further, cohort studies starting prenatally along with deep phenotyping are warranted to uncover the complex etiology of mental disorders. CONCLUSION: Existing cohort studies on early mental development have shown specific focal points. To identify general and specific risk and resilience factors for psychiatric disorders and to model trajectories, there is a need for multimodal integration of data sets.
BACKGROUND: Longitudinal cohort studies with early start and life span perspectives are increasingly recognized as being crucial to uncover developmental trajectories as well as risk and resilience factors of psychiatric disorders. OBJECTIVE: The importance of longitudinal studies is presented and the main findings of the Mannheim study of children at risk (MARS), the adolescent brain cognitive development (ABCD), the pediatric and adolescent health survey (Kinder- und Jugendgesundheitssurvey, KiGGS) and the AIMS longitudinal European autism project (LEAP) cohort studies are described. MATERIAL AND METHODS: A literature search was carried out in MEDLINE. RESULTS: The MARS followed participants with psychosocial and organic risks over more than 30 years starting from birth and showed the importance of early risk factors (prenatal period up to early childhood) for neuropsychosocial development. The ABCD cohort study (start 9-10 years old) underlined the developmental significance of early socioemotional and prenatal risks as well as toxin exposure. The KiGGS cohort followed children and adolescents from age 0-17 years up to the ages of 10-28 years. Main findings underline the importance of the socioeconomic status and gender-specific effects with respect to sensitive periods for the onset and trajectories of psychiatric disorders. The AIMS cohort followed patients with and without autism spectrum disorders aged between 6 and 30 years and first results revealed small effects regarding group differences. Further, cohort studies starting prenatally along with deep phenotyping are warranted to uncover the complex etiology of mental disorders. CONCLUSION: Existing cohort studies on early mental development have shown specific focal points. To identify general and specific risk and resilience factors for psychiatric disorders and to model trajectories, there is a need for multimodal integration of data sets.
Längsschnittstudien gewinnen zunehmend an Bedeutung in der kinder- und jugendpsychiatrischen Forschung. Dabei wurden wesentliche Erkenntnisse zu den Verläufen psychiatrischer Erkrankungen ab der frühen Kindheit gewonnen, wichtige Risiko- und Resilienzfaktoren identifiziert sowie erste (neuro-)biologische Wirkmechanismen aufgedeckt.
Bedeutung von Kohortenstudien für die Erforschung psychischer Entwicklungsstörungen
Drei von vier psychiatrischen Erkrankungen im Erwachsenenalter manifestieren sich erstmals zwischen dem 11. und 18. Lebensjahr unter dem Einfluss früher Risiko- und Resilienzfaktoren [17, 37]. Frühe Risiken klären auch im späteren Lebensalter relevante Anteile der Varianz auf Verhaltens- und neurobiologischer Ebene auf (z. B. [13, 14]). Ein besonders hoher Bedarf für die trajektorielle Erforschung kann für Störungen der neuronalen und kognitiven Entwicklung postuliert werden, wie z.B. bei der Aufmerksamkeitsdefizit‑/Hyperaktivitätsstörung (ADHS), bei Teilleistungsstörungen, bei Angsterkrankungen oder bei Autismus, welche einen frühen Beginn aufweisen und ins Erwachsenenalter persistieren können [37]. Andererseits ist es mittlerweile bekannt, dass sich ADHS auch erstmalig im Erwachsenenalter manifestieren kann, allerdings scheinen andere ätiologische Faktoren dieser Störung dann zugrunde zu liegen [37]. Bei anderen Erkrankungen hingegen ist das Erstmanifestationsalter entscheidend für die Schwere des Verlaufs, wie bei der Störung des Sozialverhaltens, bei welcher ein früherer Beginn mit schweren chronifizierenden Verläufen assoziiert ist, sodass frühe soziale Interventionen protektiv wirken können [33]. Im Gegensatz zu den o. g. psychischen Erkrankungen werden beispielsweise affektive Störungen oder auch Substanzkonsumstörungen meist erst später manifest, weisen jedoch oft Vorläufersymptome wie Aufmerksamkeitsprobleme, Aggression, Irritabilität oder Angst in der Kindheit auf [37]. Die Häufigkeit dieser heterotypischen Verläufe mit kategorialen Diagnosewechseln und komorbiden Entwicklungsverläufen konnten auch in der neuseeländischen Dunedin-Studie (eine der ältesten Kinderkohortenstudien) nachgewiesen werden. Demnach zeigten weniger als 15 % aller Probanden mit externalisierenden bzw. internalisierenden Diagnosen homotypische Verläufe [5].Die Bedeutung von Längsschnittstudien über die Lebensspanne erschließt sich somit nicht nur für klassische Störungsbilder der Kinder- und Jugendpsychiatrie, sondern auch für solche, die erst im Erwachsenenalter manifest werden. Hier sei beispielsweise die Schizophrenie genannt, bei der oftmals erhebliche Behandlungsverzögerungen und somit hohe Kosten aufgrund mangelnder Früherkennung von Vorläufersymptomen zu verzeichnen sind. Deutschland weist diesbezüglich im europäischen Vergleich sowohl die längste Dauer des unerkannten klinischen Hochrisikostadiums als auch die höchste durchschnittliche Anzahl von Hilfesuchkontakten vor der Zuweisung zu einem zumeist forschungsorientierten Früherkennungsangebot auf. Die Effektivität von Psychosefrüherkennung und früher Behandlung bei Hochrisikopatienten hängt letztlich von der Entwicklung prognostischer Instrumente ab, die der Erstellung eines individuellen Risikoprofils unter Berücksichtigung entwicklungsspezifischer Besonderheiten bedarf (Überblick bei [25]).Für die Entwicklung des Gehirns existieren unterschiedliche sensitive ZeitfensterWeiterhin bieten Längsschnittstudien die Chance, die Rolle von Umwelteinflüssen auf sensitive Entwicklungsperioden des Gehirns zu erforschen. So weisen etwa 45 % der Probanden mit frühem Beginn psychischer Erkrankungen aversive Kindheitserfahrungen auf [7]. Existierende Daten deuten auf unterschiedliche, teils regional spezifische sensitive Zeitfenster der Hirnentwicklung hin [4], in denen ungünstige Umwelteinflüsse funktionelle (neuro-)biologische Veränderungen bewirken können [30]. Andererseits kann die Erfahrung positiver Umwelteinflüsse für präventive Strategien genutzt werden. Insbesondere im sozioemotionalen Bereich stehen u. a. die Amygdala und der Präfrontalkortex im Fokus. Obgleich sich die Amygdala rapide im ersten Lebensjahr vergrößert, geht man davon aus, dass ihre strukturelle Entwicklung bei Mädchen bis zum 4. Lebensjahr und bei Jungen bis zum 18. Lebensjahr voranschreitet, während ihre Funktion bis ins Erwachsenenalter abnimmt (Überblick bei [4]). Daraus schlussfolgernd sollte die Amygdala im frühen Kindesalter durch Umwelteinflüsse formbar sein, wobei bei männlichen Individuen auch späterer Stress wichtig sein kann. Daneben erreicht die graue Substanz des Präfrontalkortex ihr Maximum während der Adoleszenz und nimmt im Anschluss wieder ab, was für eine erhöhte Sensitivität bis in die Adoleszenz spricht [4].Diese Befunde sprechen gegen die Trennung von Entwicklungsphasen in Kindheit, Jugend und Erwachsenenalter und unterstreichen den entwicklungsbasierten Ansatz über die Lebensspanne bei der Erforschung der Ätiologie psychiatrischer Erkrankungen. Um die zugrunde liegenden kausalen Zusammenhänge nachzuvollziehen, sind längsschnittliche Beobachtungsstudien erforderlich, die prospektiv Daten zu möglichen Risiko- und protektiven Faktoren erheben, bevor die Krankheiten sich erstmals manifestieren. Nur solche Kohortenstudien erlauben einen Einblick in die komplexen Zusammenhänge zwischen genetischer Anlage und modifizierenden biologischen, psychosozialen, lebensstil- und umweltbedingten Risiko- und Resilienzfaktoren, um geeignete Prädiktoren zu identifizieren sowie altersspezifische präventive (und therapeutische) Strategien zu entwickeln und in Interventionsstudien ihre langfristigen Effekte bis ins Erwachsenenalter zu überprüfen.Im Juli 2020 hat das Bundesministerium für Bildung und Forschung zwei Ausschreibungen bekannt gegeben, die die Förderung des Aufbaus eines Deutschen Zentrums für Psychische Gesundheit sowie Kinder- und Jugendgesundheit betreffen. Die Einrichtung der beiden Zentren lässt eine Stärkung der Grundlagenforschung sowie derer Translation erwarten, mit dem Ziel wirksamere Präventions‑, Diagnose- und Therapieverfahren für psychische und somatische Erkrankungen zu entwickeln. In diesem Kontext sollten sowohl populationsbasierte als auch klinische Kohortenstudien im Kindes‑, Jugend- und Adoleszentenalter mit Transition bis ins junge Erwachsenenalter wesentlicher Bestandteil einer übergeordneten Forschungsstrategie sein.
Erkenntnisse aus exemplarischen Kohortenstudien
Im Folgenden werden exemplarisch Längsschnittstudien aus der Kinder- und Jugendpsychiatrie dargestellt. Als Beispiele für Kohortenstudien, die prädiziert für die Entdeckung von Vorläufern für psychiatrische Erkrankungen sind, werden hierbei die Mannheimer Risikokinderstudie (MARS), die ABCD (Adolescent Brain Cognitive Development) und die KIGGS (Kinder- und Jugendgesundheitssurvey) -Studie skizziert. Weiterhin wird die EU-AIMS Longitudinal European Autism Project (LEAP) als Kohortenstudie mit klinischer als auch bevölkerungsbasierter Stichprobe mit ihren wesentlichen Befunden erläutert.
Mannheimer Risikokinderstudie
Die Mannheimer Risikokinderstudie (MARS) begleitet seit 34 Jahren eine Kohorte von anfangs 384 Kindern mit biologischen (organische sowie prä- und perinatale Komplikationen) und psychosozialen (familiäre Widrigkeiten) Risiken in ihrer Entwicklung seit der Geburt ([20]; Abb. 1).
Im Hinblick auf Vorläufer externalisierender Störungen konnte demonstriert werden, dass Probanden mit pränataler Tabakexposition sowohl eine erhöhte ADHS-Symptomatik in Kindheit und Jugend und eine geringere Aktivierung während der Inhibitionskontrolle als auch ein vermindertes Volumen u. a. im inferioren frontalen Gyrus (IFG) zeigen. Weiterhin fand sich ein negativer Zusammenhang zwischen ADHS-Symptomen und Hirnaktivität, was eine defizitäre Inhibitionskontrolle als möglichen biologischen Mechanismus unterstreicht [13]. Als weitere frühe Risikofaktoren für vor allem externalisierende Störungen in der Kindheit haben sich postpartale Depression [20] und regulatorische Probleme des Säuglings, wie Irritabilität, Ablenkbarkeit und Dysphorie, herauskristallisiert [2], wohingegen der Effekt frühen mütterlichen Erziehungsverhaltens bis ins Jugendalter reichte [31]. Die Effekte früher familiärer Widrigkeiten auf die spätere ADHS-Symptomatik werden genetisch vom 10-Repeat-Allel des Dopaminrezeptors (SLC6A3/DAT1) moduliert, was eine vermittelnde Rolle des dopaminergen Systems bei sozialen Einflüssen nahe legt [21].Der Zusammenhang zwischen früher Armut, lebenslangen SSV-Symptomen und OFC VolumenEbenso gab es Hinweise, dass Armut bei Geburt, nicht aber in der Kindheit, das Risiko für eine Störung des Sozialverhaltens (SSV) erhöhen. Demnach konnte ein Zusammenhang zwischen früher Armut und lebenslangen SSV-Symptomen gezeigt werden, welcher durch ein vermindertes orbitofrontales Volumen, erhöhte in-utero-Tabakexposition und kritische Lebensereignisse über die Lebensspanne erklärt wurde [14]. Auch familiäre Widrigkeiten in der Kindheit wiesen Langzeiteffekte in Bezug auf einen frühen Beginn der SSV-Symptomatik und verminderte Aktivität in der Amygdala während der Emotionsverarbeitung als auch des ventralen Striatums während der Belohnungsverarbeitung auf [11]. Weiterhin gab es einen Zusammenhang zwischen reaktiver Aggression und kritischen Lebensereignissen in der Kindheit in Abhängigkeit von dem Monoaminoxidase(MAOA)-Gen und Geschlecht, welcher durch veränderte affektive Amygdala‑, Hippokampus- und Inhibitionsaktivität im anterioren Zingulum (ACC) untermauert wurde [10].Hinsichtlich der Entwicklung externalisierender Störungen über die Lebensspanne sprechen die Befunde geschlechtsbedingt für einen homotypischen Verlauf: So prädizieren externalisierende Diagnosen in der Kindheit nur bei weiblichen Teilnehmern auch ADHS im jungen Erwachsenenalter [27].Auch bei internalisierenden Diagnosen haben sich frühe Lebensereignisse und aversive Kindheitserfahrungen als wesentliche Prädiktoren herauskristallisiert. Interessanterweise erweisen sich die meisten Effekte als stabil bis ins Erwachsenenalter. So ist der Zusammenhang zwischen psychosozialen Risiken bei Geburt und Depression, insbesondere bei Trägern des BDNF-Val-66-Met-Allels und Trägern des L‑Alleles des Serotonintransportergens, stabil [3]. Gleichermaßen präsentiert sich mütterliches Erziehungsverhalten im Säuglingsalter, vor allem Stimulation, nicht aber Responsivität, als ein wichtiger Vorläufer für eine depressive Symptomatik [35]. Auch hat sich ein dysreguliertes Profil in der Kindheit als Prädiktor für ein erhöhtes Risiko für Suizidalität und Substanzkonsumstörungen sowie ein generell vermindertes Funktionsniveaus im frühen Erwachsenenalter erwiesen [9]. Trauma in der Kindheit war mit depressiver Symptomatik im Erwachsenenalter assoziiert [22] und beeinflusste in Interaktion mit dem FKBP5-Gen affektive Amygdalaaktivität [16]. Außerdem begünstigten spezifisch frühe chronische Lebensereignisse bis zum Alter von 4 Jahren eine depressive Symptomatik im Erwachsenenalter und, als möglichen biologischen Mechanismus, eine verminderte orbitofrontale Kortexdicke [29].Hinsichtlich Resilienzfaktoren erwies sich positive Stressbewältigung im Hinblick auf internalisierende Symptomatik und Volumen in dem affektiv-regulatorischen perigenualen ACC bei Frauen als relevant [15]. Auch ist eine positive Selbstwirksamkeitserwartung zentral [17], welche sich aus einem positiven Temperament und supportiver Mutter-Kind-Interaktion im Säuglingsalter, sprachlich-kognitiver Leistungsfähigkeit und positivem Selbstkonzept im Kindesalter sowie aus Interessen, Freundschaften und elterlichem Monitoring im Jugendalter entfaltet [8]. Hinsichtlich der sozialen Umwelt kam mütterlichem Erziehungsverhalten eine besondere Rolle als Stresspuffer bei Probanden mit familiärem Risiko bezüglich ADHS sowie auch Aktivität des ventralen Striatums während Belohnung zu [12].Zusammenfassend zeigt die MARS eindrücklich, dass frühe psychosoziale Risiken ab der Geburt bis ins mittlere Kindesalter eine entscheidende Rolle für sowohl die psychische als auch die neurobiologische Entwicklung bis ins Erwachsenenalter spielen. Dabei klärte eine dimensionale Betrachtung der Variablen generell mehr Varianz auf. In weiteren Erhebungswellen wird nun untersucht, inwiefern die Befunde stabil bleiben, als auch inwiefern weitere Dimensionen des sozialen Gehirns durch frühe Risiken und durch soziale Netzwerke beeinflussbar sind und die aktuelle Stressreaktivität während der COVID-19-Pandemie vorhersagen können.
Adolescent Brain Cognitive Development Study
Die US-basierte ABCD(Adolescent Brain Cognitive Development)-Studie untersucht die Hirnentwicklung von der Kindheit bis ins Jugendalter mit dem Ziel, sowohl biologische als auch umweltbasierte Faktoren, die die Entwicklungsverläufe insbesondere im Hinblick auf Suchterkrankungen beeinflussen, aufzudecken. Dabei wurden 11.875 9‑ bis 10-Jährige in 21 Studienzentren rekrutiert. Sie werden über 10 Jahre in ihrer Entwicklung alle 2 Jahre wieder kontaktiert [18]. Damit ähnelt die ABCD-Kohorte im Suchtschwerpunkt der IMAGEN-Kohorte, welche die kritischen sozioneurobehavioralen Prädiktoren von Suchtkonsum ab der Adoleszenz untersucht [36]. Um gezielt den Beitrag von Genen und Umwelt über die Neuroentwicklung zu studieren, wurden weiterhin auch 860 Zwillinge in der finalen Kohorte eingeschlossen.Das Risiko für eine Depression steigt bei geringer physischer AktivitätErste Ergebnisse der Baselineerhebung deuten auf Vorläufer für psychische Erkrankungen hin (Überblick bei [18]). So begünstigt pränatale Cannabisexposition psychoseähnliche Erfahrungen, denen wiederum kognitive, motorische und sprachliche Defizite sowie psychopathologische Symptome vorangehen [18]. In Bezug auf die soziale Umwelt tragen geringe elterliche Supervision und familiäre Konflikte zu Suizidgedanken, -versuchen und nichtsuizidalem selbstverletzendem Verhalten bei [18]. Ferner gibt es Zusammenhänge zwischen dem Risiko für Bleiexposition, welches als ADHS-Risiko diskutiert wird, und geringerer kognitiver Leistung sowie vermindertem kortikalem Volumen und kortikaler Oberfläche [18]. Das Risiko für eine Depression stieg bei geringer physischer Aktivität und einem kleineren Hippokampus- als auch Putamenvolumen [18], wobei die Aktivität des Putamens bei Anhedonie, einem Symptom der Depression, verringert war [18]. Entgegen bisheriger Befunde konnte diese Hypoaktivität jedoch nicht mit ADHS in Verbindung gebracht werden. Auch bei aggressiven Verhaltensstörungen war ein kleinerer Hippokampus festzustellen sowie ferner Volumenverminderungen in der Amygdala und der Insula bei kalt-unemotionalen Charakterzügen [18]. Diese ersten Befunde weisen auf störungsspezifische Umweltfaktoren sowie Gehirn-Verhaltens-Beziehungen hin, deren Stabilität zukünftige Erhebungen untersuchen werden.
KiGGS-Kohorte
Die KiGGS-Kohorte (www.kiggs.de) ist die längsschnittliche Komponente der bevölkerungsbezogenen Gesundheitsstudie, in der die Teilnehmenden der KiGGS-Basiserhebung bis ins Erwachsenenalter in zwei weiteren Erhebungen beobachtet werden [24]. 68 % der 17.640 Basisteilnehmer haben in Welle 1 (6 bis 24 Jahre) und 61,5 % in Welle 2 (10 bis 28 Jahre) wieder teilgenommen.In der Entwicklung sind Jungen früher psychisch auffällig, Mädchen späterLongitudinale Analysen zu der Entwicklung psychischer Auffälligkeiten zeigen hierbei die Wichtigkeit geschlechtsspezifischer sensitiver Perioden als auch Trajektorien. Demnach ist insbesondere bei Jungen die frühe als auch die späte Kindheit für das vermehrte Auftreten und eine höhere Persistenz psychischer Auffälligkeiten von Bedeutung. Während sich mit zunehmendem Alter der Anteil psychisch auffälliger Jungen reduziert, besteht bei Mädchen eine vermehrt internalisierende, persistente Symptomatik zwischen mittlerer Kindheit und Adoleszenz [1]. Weiterhin zeigte sich die Adoleszenz als eine kritische Periode für den Beginn von Tabakkonsum, welcher sich stabil bis ins Erwachsenenalter erwies [24]. In Bezug auf Risikofaktoren hat sich ein niedriger sozioökonomischer Status als Risikofaktor für eine ungesunde Ernährung und Übergewicht sowie auch weniger Sport und höheren Zigarettenkonsum herauskristallisiert [19].
AIMS
Bei AIMS handelt es sich um das größte Multicenter-EU-Projekt, welches Stratifikationsbiomarker von 437 Patienten mit und 300 ohne Autismusspektrumstörungen im Alter von 6 bis 30 Jahren in einem akzelerierten longitudinalen Design untersucht. Bislang gab es zwei Erhebungswellen und eine dritte startet im Jahr 2020. Während die longitudinalen Ergebnisse noch ausstehen, zeigen erste Querschnittsanalysen, dass Patienten eine Hypoaktivität im ventralen Striatum während der Verarbeitung von Belohnung aufweisen [34]. Diese Gruppenunterschiede waren nicht bei der Aktivierung des „social brains“ während „theory of mind“ nachweisbar, wo sich eher moderate dimensionale Effekte angedeutet haben [28]. Dies ließ sich ebenso hinsichtlich Hirnaktivität in Ruhe demonstrieren, wo in den Kandidatennetzwerken, wie Salienz-, orbitofrontalen sowie medialen motorischen Netzwerken, Effekte autistischer Traits auf erhöhte Konnektivität zu verzeichnen waren. Weiterhin ließen sich veränderte Konnektivitäten zwischen den Netzwerken des Zerebellums, des visuellen und des somatosensorischen Kortex bei Autisten finden [32].Während sich ebenso wenig Gruppenunterschiede bei der kortikaler Dicke zeigten, konnten auf individueller Ebene mittels normativer Modelle weit verbreitete Abweichungen in Abhängigkeit des Alters der Probanden gefunden werden, welche mit repetitivem Verhalten und sozialer Kommunikation zusammenhingen [38].Heterogene Störungen wie Autismusspektrumstörungen erfordern PräzisionsmedizinInsgesamt lässt sich sagen, dass die neurobiologischen Befunde auf Gruppenebene in der querschnittlichen Betrachtung weniger Varianz aufklären als erwartet. Während die longitudinalen Ergebnisse der Kohorte noch ausstehen, weist dies insgesamt eher auf statistisch unterpowerte Vorbefunde in der Literatur hin. Insbesondere bei Autismusspektrumstörungen handelt es sich jedoch um ein sehr heterogenes Störungsbild, was die Wichtigkeit unterstreicht, multiple Ebenen der Phänotypisierung, d. h., genetisch, zellulär, (neuro-)biologisch, neuropsychologisch, behavioral, in die Betrachtung mit einzubeziehen. Hier verzeichnen jüngste Untersuchungen im Sinne der Präzisionsmedizin vielversprechende Befunde auf individueller Ebene [38]. Die longitudinalen Auswertungen sind derzeit im Gange und werden in den nächsten Jahren über die neurobehavioralen Entwicklungstrajektorien Aufschluss geben.
Offene Fragen und Ausblick
Generell wurde die neuronale Entwicklung der Probanden vornehmlich in der mittleren Kindheit (ABDC, AIMS), der Adoleszenz (IMAGEN) oder im frühen Erwachsenenalter (MARS) erfasst. Es gibt derzeit nur wenige Studien mit Schwerpunkt auf longitudinalen Imaging-Daten, wie z. B. IMAGEN, Generation R, NCANDA (National Consortium on Alcohol and Neurodevelopment in Adolescence). Dies erschwert Rückschlüsse über die Richtung der Ursache-Wirkungs-Beziehungen, da Hirnveränderungen eine Folge von Ereignissen oder Verhaltensweisen sein oder diese bedingen können. Um generell die Veränderung über die Zeit aufzuzeigen sowie diese nichtlinear zu modellieren, sind mehr als zwei Erhebungszeitpunkte wichtig, was bislang nur wenige Studien, wie IMAGEN mit Beginn in der Adoleszenz, vorweisen können. Daher bleiben vor allem die frühen Wachstumskurven der neuronalen Substrate als Vorläufer für Psychopathologie in Abhängigkeit von Risikokonstellationen und auch hinsichtlich einer Interaktion von Neurobiologie, Genetik und Verhalten bislang noch ungeklärt.Im Einklang mit der Verschiebung des Forschungsfokus in Richtung Präzisionsmedizin mit dem Ziel individuell angepasste Interventionen zu entwickeln, wird es zunehmend wichtig, sich auf individuelle Trajektorien und Prädiktoren statt auf Gruppenbefunde zu konzentrieren. Hier ist die normative Modellierung [23] ein attraktiver Ansatz, welcher, ähnlich wie bei Wachstumskurven in der Pädiatrie, erlaubt, die neurobiologische Variation der Stichprobe in Bezug auf beispielsweise das Alter abzubilden und statistische Inferenzen über die relative Positionierung der Individuen zu ermöglichen.Die Untersuchung sensitiver Perioden, in denen neurobiologische Mechanismen psychischer Störungen beeinflussbar sind, sollte einer der Schwerpunkte zukünftiger längsschnittlicher Untersuchungen sein. Die Wichtigkeit dieser Zeitfenster wurde bereits durch genetische als auch umweltbasierte Befunde untermauert. So konnten bei ADHS dementsprechend kritische Zeitfenster für genetische Effekte ermittelt werden, wobei die Implikationen eines bestimmten genetischen Allels für Erkrankungsrisiko bzw. -schutz je nach Manifestationsalter variieren können [6].Weiterhin stellt sich die Frage nach den spezifischen Effekten sozialer Umwelteinflüsse. So wurde gezeigt, dass Misshandlung die Entwicklung anders beeinflusst als Vernachlässigung. Ebenso scheint der Typ des sozialen Stressors eine Rolle zu spielen, sodass physische und verbale Misshandlung andere Veränderungen mit sich ziehen [30]. Problematisch ist auch, dass Timing und Dauer der Exposition oftmals konfundiert sind, was die Interpretation von echten sensitiven Perioden vs. Dosismodellen schwierig gestaltet. Gleichermaßen eröffnet sich die Möglichkeit, je nach Entwicklungsperiode die Entwicklung und Veränderung von Risiken zu studieren. Dementsprechend wurde bereits gezeigt, dass die Bedeutung von Peers im Laufe der Entwicklung zunimmt [37]. Da aversive soziale Umwelten oftmals lange andauern und konfundiert mit anderen negativen Umwelten sind, lässt sich deren Verhaltensrelevanz ohne engmaschige frühe Längsschnittuntersuchungen schwer nachvollziehen. Dies trifft insbesondere auf distale Einflüsse wie Armut zu, welche mehrere Risikokonstellationen wie ungesunde Ernährung, familiäre Widrigkeiten und Toxinexposition nach sich ziehen kann [14].Die Untersuchung von „sleeper effects“ auf die neuronale Entwicklung steht noch ausAußerdem stellt sich die Frage nach „sleeper effects“, d. h. frühe Ereignisse können zu Fehlentwicklung in basalen Fähigkeiten führen, die sich ggf. erst später in der Entwicklung zeigen, wenn diese durch die Umwelt getriggert werden. Während dies auf behavioraler Ebene bereits gezeigt wurde [26], steht die Untersuchung von „sleeper effects“ auf die neuronale Entwicklung noch aus.Des Weiteren ist nach wie vor unklar, inwiefern sozialer Stress in der Entwicklung auch positive Auswirkungen haben kann, im Sinne der Stressinokulation. Erste Hinweise zeigen eine verbesserte Fähigkeit der Emotionsregulation in Folge moderaten Stresses. Daher bleibt es noch unklar, inwiefern die Mobilisation von Resilienzressourcen durch aversive Umwelterfahrungen getriggert werden und ob Ausmaß und Timing des Stressors hier wichtig ist (Überblick bei [17]).Weiterhin bieten mobile Applikationen wie beispielsweise Accelerometer, Fitbit Smartwatches oder Apps mit „mobile sensing“ die Möglichkeit, über einen längeren Zeitraum Daten zu Bewegungsverhalten, Puls, Smartphonenutzung und Aufenthaltsort passiv zu sammeln. Dies eröffnet zukünftig neue Analysen, bei denen individuelle Verhaltenssignaturen reliabel erstellt werden können.Zusammenfassend wird es zukünftig wichtig, epidemiologische sowie auch klinische Längsschnittstudien, im Synergismus von Kinder- und Jugendpsychiatrie sowie Erwachsenenpsychiatrie, zu integrieren und zu initiieren. Hierbei sind vor allem ein früher Beginn mit multimodaler Erfassung von Risiko- und Resilienzfaktoren eindeutig vor Krankheitsentstehung und kritischen Entwicklungsphasen und die Lebensspanne wichtig, um Präventionsmaßnahmen risiko- und bedarfsangemessen zu adaptieren und präventive und therapeutische Erfolge im Erwachsenenalter besser vorhersagen zu können.
Fazit für die Praxis
Längsschnittstudien mit frühem Beginn sind das bevorzugte Studiendesign, um wesentliche Erkenntnisse zu Risiko- und Resilienzfaktoren und dem Verlauf psychiatrischer Erkrankungen zu gewinnen.Insbesondere im Hinblick auf die neuronale Entwicklung über die Lebensspanne gibt es noch wenig Befunde.Die wenigen bisherigen Kohortenstudien zur psychischen Gesundheit unterstreichen die Erfassung früher pränataler sowie auch postnataler Prädiktoren und Risiken sowohl für die psychische als auch neuronale Entwicklung.Neue Methoden wie ambulante Datenerhebungen mit Datenakquise in Echtzeit z. B. mittels Smartphone und normativer Modellierung ermöglichen zunehmend das Aufdecken individueller Risikosignaturen im Sinne der Präzisionsmedizin.Eine Integration bestehender sowie eine Initiierung neuer mehrdimensionaler Kohortenstudien mit frühem Beginn sind dringend erforderlich.
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Authors: Nathalie E Holz; Regina Boecker; Erika Hohm; Katrin Zohsel; Arlette F Buchmann; Dorothea Blomeyer; Christine Jennen-Steinmetz; Sarah Baumeister; Sarah Hohmann; Isabella Wolf; Michael M Plichta; Günter Esser; Martin Schmidt; Andreas Meyer-Lindenberg; Tobias Banaschewski; Daniel Brandeis; Manfred Laucht Journal: Neuropsychopharmacology Date: 2014-10-15 Impact factor: 7.853
Authors: Manfred Laucht; Markus H Skowronek; Katja Becker; Martin H Schmidt; Günter Esser; Thomas G Schulze; Marcella Rietschel Journal: Arch Gen Psychiatry Date: 2007-05
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Authors: Elvira Mauz; Michael Lange; Robin Houben; Robert Hoffmann; Jennifer Allen; Antje Gößwald; Heike Hölling; Thomas Lampert; Cornelia Lange; Christina Poethko-Müller; Almut Richter; Angelika Schaffrath Rosario; Ursula von Schenck; Thomas Ziese; Bärbel-Maria Kurth Journal: Int J Epidemiol Date: 2020-04-01 Impact factor: 7.196
Authors: Nathalie E Holz; Regina Boecker-Schlier; Christine Jennen-Steinmetz; Erika Hohm; Arlette F Buchmann; Dorothea Blomeyer; Sarah Baumeister; Michael M Plichta; Günter Esser; Martin Schmidt; Andreas Meyer-Lindenberg; Tobias Banaschewski; Daniel Brandeis; Manfred Laucht Journal: Soc Cogn Affect Neurosci Date: 2018-11-08 Impact factor: 3.436
Authors: Carolin Moessnang; Sarah Baumeister; Julian Tillmann; David Goyard; Tony Charman; Sara Ambrosino; Simon Baron-Cohen; Christian Beckmann; Sven Bölte; Carsten Bours; Daisy Crawley; Flavio Dell'Acqua; Sarah Durston; Christine Ecker; Vincent Frouin; Hannah Hayward; Rosemary Holt; Mark Johnson; Emily Jones; Meng-Chuan Lai; Michael V Lombardo; Luke Mason; Marianne Oldenhinkel; Antonio Persico; Antonia San José Cáceres; Will Spooren; Eva Loth; Declan G M Murphy; Jan K Buitelaar; Tobias Banaschewski; Daniel Brandeis; Heike Tost; Andreas Meyer-Lindenberg Journal: Mol Autism Date: 2020-02-22 Impact factor: 7.509