| Literature DB >> 32785901 |
Sigrid Emerich1, Christine Preiser1, Monika A Rieger1.
Abstract
OBJECTIVE: Exercise has a positive effect on health, which has already been proven in many studies. Doctors have an important role in helping patients to get more exercise. Against this background, the preventive model project "Exercise on Prescription" (RfB) was launched in Germany in 2009. This allows doctors to give their patients a prescription for exercise. In Baden-Württemberg, this offer was tested in 4 regions from 2015 to 2016. The aim of the present study was to evaluate the use of the RfB by doctors in Baden-Württemberg at the end of the trial phase by means of qualitative interviews of physicians participating in the program in 2017.Entities:
Mesh:
Year: 2020 PMID: 32785901 PMCID: PMC7808797 DOI: 10.1055/a-1075-2149
Source DB: PubMed Journal: Gesundheitswesen ISSN: 0941-3790
Tab. 1 Sampling-Kriterien – Zusammensetzung der Stichprobe.
| Sampling-Kriterien (Basis: Angaben im Fragebogen der Landesärztekammer Baden-Württemberg) | Geplantes Sample | Tatsächliches Sample |
|---|---|---|
|
| Ja: 7 HÄ**, 4 FÄ | Ja: 5 HÄ, 3 FÄ |
|
| Häufig: 3 HÄ, 2 FÄ Weniger häufig: 2 HÄ, 1 FA Nie: 2 HÄ, 1 FA | Häufig: 1 HA, 2 FÄ Weniger häufig: 2 HÄ, 0 FA Nie: 2 HÄ, 1 FA |
|
| Innere Faktoren: 2 HÄ, 1 FA Äußere Faktoren: 3 HÄ, 2 FÄ Patientenbezogene Faktoren: 2 HÄ, 1 FA Keine Angaben gemacht: 2 HÄ, 1 FA | Innere Faktoren: 2 HÄ, 2 FÄ Äußere Faktoren: 2 HÄ, 2 FÄ Patientenbezogene Faktoren: 3 HÄ, 1 FA Keine Angaben gemacht: 1 HA, 1 FA |
* In allen uns vorliegenden 114 Fragebögen lautete die Antwort auf diese Frage „ja“ oder „eher ja“. ** (HA = Hausarzt/ Hausärztin; FA = Facharzt/ Fachärztin). *** Antwortkategorien im Fragebogen (ohne Spezifikation). **** Mehrfachnennungen möglich, Gruppierung der Fragebogen-Items durch die Autorinnen
Abb. 1Sampling-Verlauf * exakte Anzahl der versendeten Fragebögen ist den Autorinnen nicht bekannt (ca. 370).
Tab. 2 Kategoriensystem mit Ankerbeispielen.
| 1. Das Rezept ausstellen | ||
|---|---|---|
| Gründe | ||
| 1.1 | RfB wird positiv bewertet | „Ja, ich finde es gut, dass man das nun eingerichtet hat oder beschlossen hat. Rezept für Bewegung, ja“. (FA 3)* |
| 1.2 | Aufwertung von Bewegungsempfehlung | „Ja ich meine die Realität … ja also, ich finde es schon mal wichtig, dass man nicht nur sagt, sie sollen sich mehr bewegen, sondern dass man dann auch sagt in Form eines Rezeptes, man gibt dem … der Bewegung ein gewisses Mehr an Wertigkeit, was ja auch dann […]“. (FA 2) |
| 1.3 | Alternative zu Medikamenten | „Ja das ist eine prima Sache, dass wir die Leute nicht nur mit Medikamenten abfüttern, sondern ihnen auch mal was anderes anreichen oder anraten“. (HA 5)* |
| 1.4 | Fixierung einer Absprache | „Es ist ein Versuch, durch eine schriftliche Form und eine Fixierung, eine Absprache oder eine Verhaltensänderung beim Patienten zu befördern“. (HA 3) |
| 1.5 | Verbesserung der Nachhaltigkeit | „[…] damit es nicht versandet, ist es wie bei anderen Rezepten auch, es ist natürlich gut, wenn so was noch mal der Patient schriftlich hat und zu Hause die Motivation vielleicht noch mal mehr hat, als er es vielleicht so hätte“. (HA 1) |
| 1.6 | Auslagerung der Aufklärungsarbeit | „[…] wenn da ein beschleunigter Takt besteht bei den Patienten und ich habe jetzt zu wenig Zeit, um dem Patienten das ausführlich selbst zu erläutern, was er machen und tun sollte und dass man dann noch was in die Hand drückt und sagt man: Das ist ein ernst gemeintes Rezept und ich möchte haben, dass Sie das umsetzen und ich möchte Sie in vier Wochen wiedersehen, um darüber zu reden. Das könnte ich mir nach wie vor auch trotzdem als gutes Konzept vorstellen“. (HA 1) |
|
| ||
| 1.7 | Fehlende Vergütung | „[…] prinzipiell würde man sich natürlich wünschen, dass hinter einer Verordnung eine Erstattung steht, in welcher Form auch immer, […]“. (FA 2) |
| 1.8 | Bewegungsempfehlung in der alltäglichen Arbeit bereits vorhanden | „Im Rahmen eines Gesamtkonzeptes, wie es meine Alltagspraxis ist, wo Sportmedizin sowieso eine große Rolle spielt, ist das ein solches Thema, dass es so allgegenwärtig ist, dass ich es persönlich dann eben nicht brauche oder nicht benutze“. (HA 1) |
| 1.9 | Einschätzung der eigenen Fähigkeiten | „[…] das ist auch die Frage unserer Motivationskunst, das doch zu machen. Also wie gesagt, das sind da ... das läuft manchmal auch ganz witzig ab, wie man zu solchen Motivationen kommt und dann brauche ich dann eben nicht noch mal das Rezept am Schluss [...]“. (HA 1) |
| 1.10 | Rezept ist nicht nachdrücklich genug | „Deswegen ist das eigentlich leider wider den Verordnungsgedanken eine Empfehlung. Man liest beim Raucher auch nicht mehr: Schränken Sie Ihren Rauchkonsum ein. Anstatt – was weiß ich –: Verordnen Sie Frischluft“. (FA 2) |
| 1.11 | Macht im privatärztlichen Setting keinen Sinn | „In meinem privatärztlichen Bereich, wo viel Zeit für die Patienten da ist, brauche ich es einfach nicht“. (HA 1) |
| 1.12 | Empfindlichkeiten der PatientInnen | „Es gibt auch die Leute, die sehr empfindlich sind, wenn man sie wiederholt auf Defizite oder Verbesserungsmöglichkeiten anspricht, und da ist es dann ganz ehrlich gesagt so, wenn ich das zweimal gemacht habe, und die Leute da sehr empfindlich sind und deutliche Anzeichen machen, dass sie da nicht mehr darauf angesprochen werden wollen, dann halte ich mich die nächsten Male auch eher zurück“. (HA 4) |
| 1.13 | Einschätzung der Adhärenz | „Wenn man so über die Jahre schaut, kann man manchmal kleine Erfolgserlebnisse haben. Aber häufig ist es so, dass es ja doch eher frustrierend ist. Also Wunder verspreche ich mir jetzt da nicht davon“. (HA 3) |
| 1.14 | Eigene Frustration | „Ja leider ist das sehr frustran. Also man muss sich selbst immer motivieren, damit... das nicht aufzugeben. Manchmal hat man Erfolgserlebnisse. Aber ich sage mal, wenn bei 10 Patienten das 1 oder 2 sind, dann ist das viel“. (HA 3) |
| 1.15 | Keine geeigneten Strukturen vor Ort | „Ich habe mich dann halt auch erkundigt, wer das überhaupt macht, welcher Sportverein und wer da zuständig ist, wenn man das ausstellen würde, und dann hat sich eben bei mir am Ort herausgestellt, dass da zwar eine Übungsleiterin dafür auf dem Papier stand, dass das [SPORT FÜR GESUNDHEIT-Angebot] aber überhaupt noch nicht umgesetzt wurde oder begonnen wurde“. (FA 3) |
| 1.16 | Fehlende Kenntnisse zu Abläufen | „Also dieser Weg ist bei mir irgendwie noch überhaupt nicht drin, dass man das jetzt wirklich auf Rezept … und ich weiß einfach auch tatsächlich nicht, wie genau die praktischen Abläufe danach sind. Deshalb ist das glaube ich noch nicht wirklich hier eingeschlagen“. (HA 5) |
| 1.17 | Geht zwischen anderen Angeboten unter | „Es ist nur, als dann im Alltag, wenn es immer mehr Möglichkeiten und Angebote gibt, ist es schwierig, da den Überblick zu behalten“. (HA 4) |
|
| ||
|
| ||
| 2.1 | Niedrigschwelligeres Wording | „Also ich schlage den Leuten immer vor, dass sie das nicht Sport nennen, sondern Bewegung, weil Sport ja so eine hohe Hürde hat“. (HA 5) |
| 2.2 | Integration von Bewegung in Alltag | „Und dass sie mit ganz kleinen Sachen anfangen, nämlich das, die Bewegung in den Alltag zu integrieren. Dass man den Aufzug stehen lässt und die Treppe läuft“. (HA 5) |
| 2.3 | Integration von Bewegung in Freizeit | „Also so versuche ich die Leute zu kriegen oder auch jemand der Kinder hat, dass man sagt, gehen Sie mit Ihren Kindern ins Schwimmbad und lassen die dann, wenn die groß genug sind, halt auch mal im Nichtschwimmerbecken alleine und gehen dann mal ein paar Bahnen schwimmen, dass Sie sich ein bisschen auspowern können“. (HA 5) |
| 2.4 | Ärztin/Arzt als Vorbild | „[…] also das ist, würde ich sagen, dadurch, dass ich selber das auch vorlebe und nicht im übertriebenen Maße, […]“. (HA 1) |
| 2.5 | Soziale Kontrolle durch Trainingspartner | „Aber sich am besten mit einem Freund oder mit dem Partner oder sowas zusammen für irgendwelche Bewegungssachen aufzuraffen […]. Wenn da andere Leute beteiligt sind, mit denen ich mich vielleicht auch gerne treffe, dann ist es leichter mit der Motivation“. (HA 5) |
| 2.6 | Prägendes Ereignis | „[…] also die Motivation des Arztes allein ist es nicht. Es muss meist ein prägendes Ereignis sein: neue Diagnose von dem Diabetes, ein Ereignis bei einem Verwandten oder nahestehendem Bekannten, Nachbarn oder Ähnlichem“. (HA 2) |
| 2.7 | Partnerschaft | „Also am besten ist es, wenn einer sich in eine Person verliebt, die selber Sportler ist, dann ist er bereit, manches mitzumachen, aber das ist auch der stärkste Motivator“. (HA 2) |
| 2.8 | Finanzielle Anreize | „Die sind da [Rehasport] ganz gut aufgehoben. In diesem Funktionstraining im Thermalbad. Also da sehen die Leute auch für sich den Vorteil, einfach wirklich, das Thermalbad ist schon furchtbar teuer und da zahlen sie dann 2 Euro Eintritt, also das ist eine große Motivation für viele“. (HA 5) |
| 2.9 | Berufliche Zufriedenheit | „Also ich denke schon, dass Leute, die weniger berufliche Belastung haben, das eher machen und vielleicht auch Leute, die eine höhere Berufszufriedenheit haben, sich vielleicht auch leichter aufraffen können zu sowas“. (HA 5) |
|
| ||
| 2.10 | Fehlende finanzielle Unterstützung durch KK | „[…] nimmt man es jetzt für den Bereich Adipositas oder chronischer Rücken oder wie auch immer, es gibt ja viele Bereiche, machen sie (die KK) es (finanzielle Unterstützung) halt nicht und das ist extrem störend“. (FA 2) |
| 2.11 | Lange Anfahrtswege | „Ist halt auch immer das Thema mit Anfahrt usw., weil unser Einzugsgebiet doch größer ist und überregional. Und dann ist eine Stunde Sport dann mit eineinhalb Stunden Fahrtzeit mit Verbindung in [Stadt] und dann sind es gleich zweieinhalb Stunden Zeit, das ist dann der ganze Nachmittag an dem Tag. Da machen wenige Leute mit, muss man sagen“. (FA 1) |
| 2.12 | Compliance | „Also ich glaube, die Compliance ist nicht sehr hoch“. (FA 2) |
| 2.13 | Bequemlichkeit | „Die Patienten, die möchten gerne überall abgeholt werden. Also wenn ich jemanden hätte, der sagt, ich hol deine Patienten bei dir an der Praxis ab, […] könnte ich mir vorstellen, dass das etwas anderes ist, wie wenn sie sich auch nur drei Häuser weiter an der Sporthalle treffen sollten, da ist schon wieder die erste, nun ja, Hemmung“. (HA 2) |
| 2.14 | Fehlende intrinsische Motivation | „Die Menschen wissen meistens, dass es sinnvoll wäre, wenn sie es täten, aber es gibt, nun ja, innere Motivation (…..) die, die es immer wieder verhindern. Also wenn keine intrinsische Aktivität da ist, dann funktioniert es auch auf noch so gutes Zureden nicht“. (HA 2) |
| 2.15 | Scham | „Ein Nichtsportler schämt sich, der kann sich überhaupt nicht vorstellen, dass andere Nichtsportler in der gleichen Situation sind, und sie dann sozusagen zu dritt oder zu viert […] auf einem gemeinsamen Leistungslevel beginnen können und dann da eine Trainingssteigerung erfahren“. (HA 2) |
| 2.16 | Umfeld bremst aus | „Ob die dann wieder von der Partnerin gebremst werden, die sagen: Wieso stehst denn du schon auf, du musst doch noch gar nicht?“ (HA 2) |
| 2.17 | Hohe berufliche Belastung | „Dass der dringend Bewegung braucht ist klar, ist ihm auch klar. Aber der sagt, er arbeitet jeden Tag zwölf Stunden. Und dass der danach nicht mehr noch irgendwie was sportlich unternehmen mag, das kann man ihm nicht verdenken, eigentlich“. (HA 5) |
|
| ||
| 2.18 | Abflachen der Motivation | „Es wird mir versprochen, dass es getan wird, dass sie es anfangs getan haben und dann schläft es sehr häufig wieder ein“. (HA 2) |
| 2.19 | Aktivierung von Vorhandenem | „[…] ich frage nach, ob sie früher schon einmal Sportler waren, weil einen, der schon Sportler war, ist leichter zu reaktiveren als ein Couch-Potato, der noch nie Sport gemacht hat“. (HA 2) |
| 2.20 | Fehlende Überwachung | „Dadurch, dass das natürlich nirgendwo überwacht wird, ist es immer schlecht“. (FA 2) |
| 2.21 | Steigert die Nachhaltigkeit anderer Maßnahmen | „Weil dieser Rehasport läuft ja eigentlich immer nur... also praktisch eine Verordnung und dann sagt man, sollten die Leute ja auch fit genug sein, um das selbst zu machen und ich werde jetzt nach diesem Interview noch einmal gucken, ob ich das dann vielleicht einsetze, um die weiterhin bei der Stange zu halten“. (HA 4) |
| 2.22 | Rückfall in erlernte Verhaltensmuster | „[…] das sind einfach alles ganz viele langjährig erlernte Verhalten, und in die fallen sie fast immer wieder zurück“. (HA 2) |
|
| ||
| 3.1 | Finanzielle Unterstützung durch Kasse für PatientInnen | „Ich würde mir wünschen, dass wenn man so Bewegung verordnet, auch die Kasse mitmacht in irgendeiner Art und Weise, die Bewegung finanziell zu unterstützen. Bei jedem Medikament machen sie es auch […]“. (FA 2) |
| 3.2 | Finanzielle Unterstützung durch Kasse für ÄrztInnen | „Also ich sage mal so, prinzipiell würde man sich natürlich wünschen, dass hinter einer Verordnung eine Erstattung steht, in welcher Form auch immer“. (FA 2) |
| 3.3 | Mediale Aufmerksamkeit steigern | „Möglicherweise in weiteren Medien bewerben und, wenn es natürlich der Orthopäde genauso erwähnt wie ich und der Kardiologe auch so wie ich und der Diabetologe auch so wie ich […], dann wünschte ich mir, dass das öfters Anklang findet“. (HA 2) |
* (HA = Hausarzt/ Hausärztin; FA = Facharzt/ Fachärztin)