Literature DB >> 32399720

[New challenges for intensive care medicine due to climate change and global warming].

T Bein1, C Karagiannidis2, M Gründling3, M Quintel4.   

Abstract

BACKGROUND: In the last five decades a continuous increase in the average global temperature has been recorded. Furthermore, natural disasters (e.g. heat waves, severe storms, floods and large forest fires) are becoming more frequent. The impact of global warming and climate change on health involves an increase in respiratory, cardiovascular, renal and cognitive mental diseases. Furthermore, a change in the frequency and patterns of infectious diseases can also be observed in Europe.
MATERIAL AND METHODS: This article presents the most important studies that investigated diseases associated with the climate change, with special reference to those that represent a challenge for intensive care medicine.
RESULTS: Currently available epidemiological data and statistical extrapolations indicate that diseases resulting from the climate change (acute infection-related respiratory and intestinal diseases, exacerbation of pre-existing pulmonary lesions, heat-related dehydration, cerebral insults and myocardial infarction) are relevant for intensive care medicine. Particular emphasis is placed on a significant increase in acute kidney damage during heat waves. A previously unknown pattern of infectious diseases necessitates new knowledge and targeted management. In some studies, persisting mental impairments were registered during heat waves and natural disasters, e.g. posttraumatic stress disorder.
CONCLUSION: Intensive care medicine must be prepared for the challenges due to global warming and climate change. Slow but continuous changes (e.g. rise in temperature) as well as acute changes (e.g. heat waves and natural disasters) will induce an increased need for intensive medical care services (e.g. an increase in the need for renal replacement procedures). Intensive care physicians will need to be familiar with the diagnostics and management of diseases associated with the climate change. An initiative of the specialist societies involved would be welcomed.

Entities:  

Keywords:  Cardiovascular diseases; Infectious diseases; Kidney diseases; Lung diseases; Mental health

Mesh:

Year:  2020        PMID: 32399720      PMCID: PMC7216862          DOI: 10.1007/s00101-020-00783-w

Source DB:  PubMed          Journal:  Anaesthesist        ISSN: 0003-2417            Impact factor:   1.041


Klimawandel, globale Erderwärmung und Gesundheit

Während der letzten 5 Jahrzehnte wurden ständig steigende Mengen von Kohlendioxid (CO2) und anderen Treibhausgasen durch menschliche Aktivitäten freigesetzt, die – heutzutage unbestritten – mit einem erheblichen Anteil zum Klimawechsel mit globaler Erderwärmung beitragen. Seit der vorindustriellen Zeit (ca. 1850) hat sich die Erde um etwa 0,85 ℃ erwärmt. Die letzte Dekade bis 2010 wies eine höhere Durchschnittstemperatur auf als jede Dekade vorher [1]. Unter der Voraussetzung, dass die Erderwärmung voranschreitet und in den nächsten Jahrzehnten ein (ungebremster) Anstieg der mittleren Temperatur, begleitet von regionalen und saisonalen Hitzewellen und/oder Naturkatastrophen (Überschwemmungen, großflächige Waldbrände, Dürreperioden) stattfindet, erwartet die Weltgesundheitsorganisation (WHO) 250.000 zusätzliche Todesfälle, die als Folgen des Klimawandels einzuordnen sind [2]. Es überrascht wenig, dass ein erhöhtes Risiko für klimawandelassoziierte Erkrankungs- und Todesfälle besonders Personen trifft, die in Küsten- oder Metropolregionen leben, Kinder und alte Menschen, chronisch kranke Personen, und – „last but not least“ – Bevölkerungsgruppen aus „Low-income“-Staaten, in denen nur eingeschränkte medizinische Versorgungsstrukturen bestehen. Die Folgen des Klimawandels für das Auftreten neuer oder zusätzlicher Erkrankungen wurden anhand bereits bestehender Daten, z. B. im Hinblick auf ein verändertes Auftreten von Infektionskrankheiten, berechnet [3]. Im Rahmen von Hitzewellen und Naturkatastrophen beziehen sich diese Erkrankungsmuster auf das respiratorische System, auf Nierenfunktionsstörungen, auf neurologisch-kognitive Krankheiten, auf kardiovaskuläre Störungen, sowie auf – für europäische Länder bislang ungewöhnliche – Infektionskrankheiten (Abb. 1). Im Folgenden werden die wesentlichen Studienergebnisse zu klimawandelassoziierten Erkrankungen vorgestellt und deren intensivmedizinische Relevanz – v. a. auf dem Boden der Extrapolation für die nahe Zukunft – diskutiert. In der Zusammenschau werden Konsequenzen für die strukturelle, organisatorische, aber auch fachliche Ausrichtung der Intensivmedizin erkennbar, die – erwartbar – zur Bewältigung der durch die Erderwärmung entstehenden Herausforderungen erforderlich sein werden. Diese können im Rahmen dieses Beitrags als Grundlage für eine vertiefte Diskussion nur skizziert werden.

„Lungs in a warming world“ – respiratorische Erkrankungen

Der Einfluss von Klimawandel und Erwärmung auf das respiratorische System ist bisher nur im Ansatz untersucht, und erste epidemiologische Daten lassen erwarten, dass dieser Einfluss erheblich ist: „Lungs in a warming world“ [4] werden anfälliger für noxenassoziierte inflammatorische Reaktionen, insbesondere bei vorbestehenden chronischen Lungenerkrankungen (chronisch obstruktive Lungenerkrankung [COPD], Asthma). Zu solchen Noxen gehören sowohl erhöhte Konzentrationen von CO2 oder Treibhausgasen in der Luft, Ozon (O3), Stickstoffdioxid (NO2) als auch erhöhte Feinstaubbelastungen (z. B. im Rahmen großflächiger Brände), Hitzewellen, allgemeine Luftverschmutzung oder extreme Trockenheit. Alle diese Noxen können eine proinflammatorische Reaktion (vermutlich über eine Aktivierung der Toll-like-Rezeptoren) sowie eine Erhöhung des Atemwegswiderstands bei vorgeschädigten Lungen (über eine Aktivierung der „C-fiber“-Nerven) hervorrufen, mit gesteigerter Hyperreagibilität der Atemwege [5]. Mehrere in den letzten Jahren veröffentlichte epidemiologische Studien berichten eine exzessive Zunahme stationärer Aufnahmen von Patienten mit respiratorischen Störungen im Rahmen von Hitzewellen: Während der Hitzeperiode in Portugal 2006 wurde für jede Erhöhung der mittleren Temperatur um 1 ℃ eine Steigerung der Letalität von COPD-Patienten um 5,7 % beobachtet; diese Risikoerhöhung betraf insbesondere Patienten im Alter über 75 Jahre [6]. Eine Analyse der respiratorisch bedingten stationären Aufnahmen während der Sommer 1991–2004 in New York City ergab in ähnlicher Weise eine signifikante Erhöhung in Abhängigkeit von jeder 1‑Grad-Erhöhung [7]. Aus einer systematischen Analyse der bisherigen Studien und einer daraus abgeleiteten Extrapolation für die nächsten Jahrzehnte wird insbesondere auf die Bedeutung von klimabedingt zunehmenden und bisher als „ungewöhnlich“ eingestuften Infektionserkrankungen des respiratorischen Systems hingewiesen: sowohl virale Infektionen (Hanta‑, Influenza‑, Ebola‑, West-Nil‑, Dengue- und respiratorisches Synzytialvirus) als auch fungal hervorgerufene Infektionen (Aspergillose, Kokzidioidomykose) wurden während Hitzeperioden in den industrialisierten Ländern vermehrt identifiziert [8]. Am negativen Einfluss der klimaassoziierten Änderung der Luftqualität auf die Vulnerabilität des respiratorischen Systems der Menschen in Europa besteht kein Zweifel [9]. Die Bedeutung der skizzierten Veränderungen für die Intensivmedizin ist derzeit noch nicht völlig klar. Es ist jedoch davon auszugehen, dass sie den Bedarf an intensivmedizinischen Kapazitäten sowohl lang- als auch kurzfristig und akut (akute Hitzewellen oder Naturkatastrophen) spürbar vergrößern wird. Darüber hinaus werden sich Intensivmediziner zukünftig in ihrem Ausbildungscurriculum dem Thema „klimaassoziierte Erkrankungen“ widmen müssen, um sich spezifische, bislang nicht oder wenig relevante Erkenntnisse, z. B. zu ungewöhnlichen Infektionserkrankungen, anzueignen.

Kardiovaskuläre Erkrankungen im Gefolge des Klimawandels

In einigen Untersuchungen wurden die Auswirkungen von globaler Erderwärmung und Klimawandel auf die kardiovaskuläre Gesundheit skizziert [10, 11]. Als plausible pathophysiologische Mechanismen zwischen Hitzebelastung und Herzinfarkten werden überwiegend eine generelle Vasodilatation, die gesteigerte Expression lokaler und systemischer Entzündungsmediatoren (Interleukine), eine erhöhte Hämoviskosität sowie eine Aktivierung der Blutgerinnung angesehen [12]. In einer Übersicht bisheriger Daten [11] wurden die Ergebnisse zur Verfügung stehender epidemiologischer Studien zusammengefasst. Hitzewellen waren mit einem erhöhten Aufkommen akuter kardialer Erkrankungen (z. B. kardiale Dekompensation, Herzinfarkt) assoziiert, was zu gestiegenen Zahlen von Notaufnahmebesuchen, stationären Aufnahmen und vermutlich konsekutiv auch Intensivbehandlungen führte. In einer großen europäischen epidemiologischen Studie (EuroHeat [13]) wurden meteorologische Daten von 9 repräsentativen europäischen Metropolen während der Sommermonate (1990–2004) mit Erkrankungen, die durch die jeweiligen statistischen Ämter erfasst worden waren, verglichen. Obwohl die Hitzewellen geografisch sehr unterschiedlich ausfielen, zeigte sich generell ein hitzebedingter Anstieg der Letalität zwischen 7,6 % in München bis zu 33,6 % in Mailand mit einem Anteil kardiovaskulär bedingter Todesfälle von ca. 50 %. In einer jüngst beschriebenen Projektion für die Region Augsburg bezüglich zukünftig erwartbarer temperaturbedingter Herzinfarkte [12] wurden 2 Klimaszenarien herangezogen. Für das „mildere“ Szenario (weitere Erderwärmung bis zu 2 ℃) wurde eine mäßige Steigerung der Herzinfarktrate in dieser Region berechnet, während diese Steigerung bei einem mittleren Temperaturanstieg bis zu 3 ℃ deutlich höher ausfallen soll.

Nierenschädigung und Erderwämung

Hitzewellen sind mit einer Belastung der Nierenfunktion und -leistung verknüpft: Dehydratation und Volumenverlust, ggf. begleitet von kardiovaskulären Problemen, stellen – insbesondere bei älteren Menschen mit multiplen Komorbiditäten – ein Risiko der Beeinträchtigung oder gar des Verlusts der Nierenfunktion dar. Hier hat sich der Begriff „heat-stress nephropathy“ eingebürgert [14], dessen Spektrum von passagerer Einschränkung der Nierenfunktion bis zum akuten Nierenversagen reicht. So wurde in Zentralamerika jüngst eine Epidemie von Nierenerkrankungen beschrieben, die zunächst unerklärlich war. Bei näherer Analyse zeigte sich, dass ausschließlich Patienten mit hitzebedingter Dehydratation betroffen waren [15]. Ähnliche Daten wurden aus den Vereinigten Staaten (California Central Valley) sowie aus Indien und Sri Lanka gemeldet; dort kam es zu einem Versorgungsengpass von Dialysegeräten (zusammengefasst in [14]). Für Europa liegen bisher keine belastbaren Daten vor, es ist allerdings davon auszugehen, dass bei extremen, aber nicht mehr ungewöhnlichen Hitzewellen auch hier mit einer erhöhten Rate von Nierenversagen zu rechnen ist [16]. Für die Intensivmedizin ist die Schlussfolgerung zu ziehen, dass auch in Deutschland mit einem saisonal bedingten höheren „Ad-hoc“-Bedarf an Dialyse- und/oder Hämofiltrationsgeräten sowie den erforderlichen Behandlungsmöglichkeiten zu rechnen ist.

Veränderung und Zunahme von Infektionserkrankungen

Übertragbarkeit, Virulenz und pathogene Potenz von Bakterien, Viren oder Pilzen sind sehr stark von Umgebungsbedingungen abhängig. Hierzu gehören u. a. die Umgebungs-, die Wassertemperatur, die Luftfeuchtigkeit und die Disposition der „Zwischenwirte“ (zumeist Tiere). Auch eine wärmebedingte genetische Adaptation des Menschen mit Veränderung der Abwehr gegenüber pathologischen Erregern wird diskutiert. Während in den letzten Jahrzehnten in den klassischen dafür exponierten Hitzeregionen eine Zunahme bekannter Infektionserkrankungen (ausgelöst durch Zika‑, Ebola‑, Gelbfieber‑, Dengue-Virus) beobachtet wurde, bereitet das (bisher vereinzelte) Auftreten solcher Erkrankungen in Europa wachsende Sorge. Zunächst wurde der zunehmende globale Tourismus dafür verantwortlich gemacht. Allerdings zeigt die jüngste Übertragung einer West-Nil-Virus-Erkrankung (Meningoencephalitis) durch einen Moskito in Deutschland bei einem Patienten, dessen Anamnese keinen Auslandsbesuch beinhaltete [17], dass auch in Deutschland mit einem veränderten (und steigenden) Auftreten von Infektionskrankheiten gerechnet werden muss. In Kanada, einem Land, in dem der Klimawandel besonders deutlich zu spüren ist, wird regelmäßig über das Auftreten von Lyme-Borreliose oder West-Nil-Virus-Erkrankungen berichtet [18]. In den Jahren 2012–2016 wurde ein massiver Anstieg von Borrelia-Erkrankungen, hervorgerufen durch die Spirochäte Borrelia burgdorferi beobachtet [19], da der Zwischenwirt, die Zeckenart Ixodes scapularis (in Mitteleuropa Ixodes ricinus) durch den Klimawandel beste Reproduktionsbedingungen vorfindet. Im Rahmen der globalen Erwärmung wurde eine zunehmende Verbreitung von Vibrio-vulnificus-Infektionen an Nord- und Ostsee beobachtet. Besonders die Ostsee bietet mit ihrem geringen Salzgehalt und einem sich sehr schnell erwärmenden Gewässer den idealen Nährboden für Vibrionen [20]. Während an der deutschen Ostseeküste von 2003 bis 2017 insgesamt 26 Fälle gemeldet wurden, registrierten die Gesundheitsämter in den „heißen“ Jahren 2018/2019 allein 25 Erkrankungen (persönliche Mitteilung M. Gründling). Patienten mit chronischen Leber- und Nierenerkrankungen, Diabetes mellitus, Tumorerkrankungen und Immunsuppression sind besonders gefährdet, beim Baden in Nord- oder Ostsee durch das Eindringen von V. vulnificus, z. B. in die vorgeschädigte Haut, schwerste Haut- und Weichteilinfektionen bis hin zu einer Sepsis zu erleiden. Das akut lebensbedrohliche, bisher kaum bekannte Krankheitsbild (Letalität etwa 50 %) verlangt die sofortige Herdsanierung, Antibiotikatherapie und organunterstützende intensivmedizinische Maßnahmen. Die Zunahme der Erkrankung macht fundierte Kenntnisse in der Diagnostik und Behandlung durch Ärzte nicht nur in den Küstenregionen notwendig. Bei unverändertem Temperaturanstieg wird bis 2030 nach statistikbasierten Projektionen ein Anstieg infektionsbedingter intestinaler Erkrankungen (v. a. Diarrhöen) um ca. 10 % erwartet; insbesondere Kinder aus industrieschwachen Ländern werden betroffen sein. Das Risiko für Plasmodieninfektionen (Malaria) soll um 3–5 % ansteigen [8]. Ob durch die Wärmeentwicklung auch klassisch-tropische Erkrankungen (wie z. B. Malaria) in Zentraleuropa ohne Tourismustransmission oder Migration vermehrt auftreten werden, bleibt bislang spekulativ. Der erhebliche Migranteneinstrom in zentraleuropäische Länder seit 2015 war ja nicht nur durch politische Krisen, sondern auch durch Naturkatastrophen bedingt [21]; er konfrontiert seither bereits viele (Intensiv‑)Mediziner mit neuen Krankheitsbildern. In jedem Fall wird für die Intensivmedizin der Erwerb fundierter Kenntnisse in Diagnostik und Therapie von bis dato „exotischen“ Infektionserkrankungen unumgänglich sein. Für die Frequenz von Salmonellosen (ausgelöst durch Bakterien der Salmonella-Spezies), die durch Eier und Schweinefleisch übertragen werden und durch schwere Diarrhöen gekennzeichnet sind, konnte ein klarer Zusammenhang mit der Umgebungstemperatur aufgezeigt werden: Ein Anstieg der mittleren Temperatur um 1 ℃ war von einer höheren Inzidenz der Salmonellosen in einer Größenordnung von 5–10 % gekennzeichnet [22]. Mittlerweile wird etwa ein Drittel der Salmonellosen in England, Polen, Tschechien, der Schweiz und den Niederlanden dem Klimawandel zugesprochen [23].

Hitzewellen, Naturkatastrophen und psychische Gesundheit

In einer kürzlich erschienenen Metaanalyse wurden die bisher veröffentlichten Studien zum Zusammenhang zwischen extremen Wetterverhältnissen und psychischer Belastung von Menschen in Entwicklungsländern untersucht [24]. Es fanden sich – je nach Studie und Untersuchungsland – posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS) mit einer Inzidenz von 0,7 bis 52,6 %, die auf extreme Wetterbedingungen (Naturkatastrophen, Hitzewellen) zurückzuführen waren. Nach dem Hurrikan Sandy, der 2012 über New York hinweg zog, wurde in einer Untersuchung der New Yorker Bevölkerung eine über ein Jahr anhaltende Erhöhung der PTSD-Werte gefunden [25]. Für die Hitzewellen und Naturkatastrophen, die Europa in den letzten Jahren erleben musste, liegen noch keine verlässlichen Daten vor. Es ist zu erwarten, dass auch in Europa psychische und kognitive Beeinträchtigungen im Rahmen des Klimawandels häufiger auftreten und damit zu einer höheren Inanspruchnahme (intensiv-)medizinischer Leistungen führen werden.

Konsequenzen für die Intensivmedizin

Die beschriebenen Einflüsse von Klimawandel und Erderwärmung auf die Gesundheit des Menschen lassen erhebliche Konsequenzen für die Intensivmedizin erwarten (Tab. 1): schwere Erkrankungen des kardialen oder respiratorischen Systems, neue, teilweise lebensbedrohliche Infektionen und die Zunahme von Nierenversagen können mit ausgeprägten Funktionsstörungen oder dem Versagen von Organen und Organsystemen einhergehen – die Organersatztherapie (Beatmung, Herz-Kreislauf-Unterstützung, Nierenersatz) ist eine Kernkompetenz der Intensivmedizin. Für den Bundesstaat Kalifornien wurden die Effekte von Hitzewellen auf die Zahl stationärer Aufnahmen zwischen Mai und Oktober für die Jahre 1999 und 2009 anhand statistischer Daten berechnet [26]. Als Hitzewelle wurde definiert, wenn die mittlere Tagestemperatur für 2 konsekutive Tage die zonen- und monatsspezifische 95 %-Perzentile übertraf. Die stationäre Aufnahme von Patienten mit akutem Nierenversagen, Appendizitis, Dehydratation, ischämischem Schlaganfall, psychischen Störungen und diabetogener Stoffwechselentgleisung war während solcher Hitzewellen signifikant erhöht. Obwohl keine gesonderte Analyse für die Intensivmedizin durchgeführt wurde, ergeben sich logischerweise eine höhere Auslastung von Intensivbetten sowie eine erhöhte Inanspruchnahme von Personal und Technik. Der bereits zuvor erwähnte Hurrikan Sandy hatte nicht nur im Tisch Hospital (eine der New-York-University-Kliniken) einen Gesamtstromausfall mit konsekutiver Evakuierung der Patienten zur Folge. Er induzierte gleichzeitig, dass zahlreiche Menschen wegen Unterkühlung, psychischem Schock oder Exazerbation chronischer Erkrankungen die Notaufnahmen anderer Kliniken aufsuchten [27].
Betroffenes Organsystem/UrsacheKlimaassoziationBefunde, Studien, Übersichten
RespiratorischAnstieg der mittleren Temperatur um 1 ℃Signifikanter Anstieg der Letalität und Morbidität pro 1 ℃-Anstieg bei COPD und Asthma [6]
Treibhausgase, LuftverschmutzungVirusinfektionen ↑, Pilzinfektionen ↑ [8]
KardiovaskulärHitzewellen in GroßstädtenEuroHeat: hitzebedingter Anstieg der Letalität zwischen 7,6 % (München) und 33,6 % (Mailand), davon ca. 50 % kardiovaskulär bedingt [13]
RenalHitzewellenEpidemie von akutem Nierenversagen in Zentralamerika, ausschließlich durch Dehydratation bedingt [15]
InfektionserkrankungenGlobale ErwärmungMassiver Anstieg von Borreliosen in Kanada [19], Zunahme von Infektionen mit Vibrio vulnificus [20], Anstieg der Salmonellosen um ca. ein Drittel in Europa [22]
Psychische und kognitive BelastungNaturkatastrophen, HitzewellenAuftreten von PTBS zwischen 0,7 und 52,6 % in Entwicklungsländern [24]
Hurrikan Sandy 2012, New YorkAnhaltende erhöhte PTBS-Befunde in der New Yorker Bevölkerung [25]

COPD „chronic obstructive pulmonary disease“ (chronisch obstruktive Lungenerkrankung), PTBS posttraumatische Belastungsstörung

COPDchronic obstructive pulmonary disease“ (chronisch obstruktive Lungenerkrankung), PTBS posttraumatische Belastungsstörung Wie kann sich die Intensivmedizin vorbereiten? Herausforderungen und ihre möglichen Lösungsansätze sind in Tab. 2 zusammengefasst. Sowohl für eine erhöhte kontinuierlich wirksame Inanspruchnahme von intensivmedizinischen Leistungen (Folgen des generellen Temperaturanstiegs) als auch für akute Massenbeanspruchung (z. B. Hitzewellen, Naturkatastrophen) sind spezifische Konzepte erforderlich, um adäquat reagieren zu können [28]. Darüber hinaus sind Implikationen sowohl für das präklinische Notfallversorgungssystem als auch für die poststationäre Rehabilitationsbehandlung (z. B. bei PTBS) zu erwarten. Obwohl bisher keine konkreten Kalkulationen zur Kostenerhöhung durch klimawandelassoziierte Erkrankungen im Bereich des Gesundheitswesens (oder spezifisch im Bereich der Intensivmedizin) durchgeführt wurden, ist unbestritten, dass solche Veränderungen als ein „Stresstest“ für zur Verfügung stehende Ressourcen im Bereich Gesundheit gelten werden [29]. Austin et al. [30] zeigten 2014 in einer Analyse, dass sowohl in hochindustrialisierten Ländern als auch in „Middle-income“-Ländern der Zugang zur Intensivmedizin von Region zu Region extrem unterschiedlich sein kann. Dies erfordert Überlegungen bezüglich einer besseren Verteilung von Intensivkapazitäten. Zum skizzierten Komplex „Klimawandel und Intensivmedizin“ ist eine Initiative begrüßenswert, die Konzepte auf der Ebene von Fachgesellschaften erstellt. Des Weiteren werden dringend präzise epidemiologische Daten für Deutschland und Europa benötigt, um die Entwicklung der klimawandelassoziierten Erkrankungen und ihre medizinischen Konsequenzen besser abschätzen zu können. Auf dem Boden des Gesagten und aus einem gelebten ärztlichem Selbstverständnis ergibt sich, dass auch Mediziner sich in gebotenem Maß für die Abmilderung des Klimawandels einsetzen sollten. Auch und gerade im Bereich der Anästhesie und Intensivmedizin ergeben sich von der Reduktion der Verwendung schädlicher volatiler Anästhetika bis hin zu Strategien der Reduktion/Vermeidung von Abfall noch große Potenziale.
HerausforderungLösungsansatz
Erhöhte Frequentierung von präklinischer Notfallversorgung und Notaufnahmen durch klimaassoziierte ErkrankungenAusbildung und Vorbereitung des Personals im Rettungswesen und von Notaufnahmen, Bereitstellung entsprechender Strukturen
Anstieg der Zahl kritisch kranker Patienten im Gefolge von Hitzewellen oder LuftverschmutzungBereitstellung einer höheren Kapazität von Intensivbetten, v. .a in Küstenregionen und „megacities“
Massenanfall kritisch kranker Patienten im Gefolge von rapiden Wetterumschlägen, Überschwemmungen, Waldbränden oder anderen NaturkatastrophenBereitstellung einer „Reserve“ von Intensivbetten und Personal, die im Bedarfsfall akut aktiviert werden kann
Zunahme von Infektionen, besonders mit „ungewöhnlichem“ Charakter

1. Bereitstellung von Isolationsmöglichkeiten

2. Erweiterung der Kenntnisse des Intensivpersonals bezüglich des Managements „ungewöhnlicher“ Infektionen

Anstieg der Zahl von Patienten mit akuter Nierenschädigung während HitzewellenBereitstellung einer ausreichenden Zahl von Nierenersatzverfahren
Gefahr der Einschränkung der Energieversorgung von Kliniken bei NaturkatastrophenAdäquates Vorsorgemanagement
Erhöhter Bedarf an Nachsorge, Rehabilitation, insbesondere im Rahmen posttraumatischer BelastungsstörungenAusbau entsprechender Rehabilitationsversorgungsstrukturen, enge Kooperation zwischen Akut- und Rehamedizin
1. Bereitstellung von Isolationsmöglichkeiten 2. Erweiterung der Kenntnisse des Intensivpersonals bezüglich des Managements „ungewöhnlicher“ Infektionen

Fazit für die Praxis

Die Einflüsse von Klimawandel und Erderwärmung auf die Gesundheit des Menschen lassen erhebliche Konsequenzen für die Intensivmedizin erwarten. Spezifische Konzepte werden benötigt, um adäquat auf eine sich kontinuierlich erhöhende Inanspruchnahme intensivmedizinischer Leistungen aufgrund des generellen Temperaturanstiegs und eine akute Massenbeanspruchung z. B. bei Hitzewellen und Naturkatastrophen reagieren zu können. Für das präklinische Notfallversorgungssystem ergibt sich das Erfordernis der entsprechenden Ausbildung sowie Vorbereitung des Rettungspersonals und der Mitarbeiter in Notaufnahmen; diesbezügliche Strukturen müssen bereitgestellt werden. Auch für die poststationäre Rehabilitationsbehandlung wird ein Ausbau der Rehabilitationsversorgungsstrukturen notwendig. Wünschenswert ist die enge Kooperation zwischen Akut- und Rehamedizin. Mediziner selbst sollten sich in gebotenem Maß für die Abmilderung des Klimawandels einsetzen. Auch und gerade im Bereich der Anästhesie und Intensivmedizin finden sich große Potenziale, die von der Reduktion der Verwendung schädlicher volatiler Anästhetika bis hin zu Strategien der Reduktion/Vermeidung von Abfall reichen.
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Authors:  B Guidet; H Gerlach; A Rhodes
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2.  Prioritizing Health in a Changing Climate.

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Review 4.  Environment, Global Climate Change, and Cardiopulmonary Health.

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